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»Erwachsen«: Mehr Erwachsensein wagen

Zum Erwachsensein gehöre es, Differenzen auszuhalten und den eigenen Standpunkt nicht zu überhöhen, so Tobias Glück. Er erläutert, wie Achtsamkeit dabei helfen kann.

Achtsamkeit gilt vielen als Nonplusultra, wenn es darum geht, besser mit dem Stress unseres vollgepackten Alltags umzugehen. Auch wenn dieses Konzept durchaus einen therapeutischen Nutzen habe, werde es oft auch zweckentfremdet, meint der Psychologe Tobias Glück. Es gebe Menschen, die Achtsamkeit dafür instrumentalisierten, sich an »Dinge, die nicht passen, anzupassen oder diese zu kontrollieren«. Der Therapeut und Achtsamkeitstrainer sieht diesen Trend kritisch – genauso wie das allgegenwärtige Streben nach Perfektion und die andauernde Selbstoptimierung. Sie dienten oft dazu, Unsicherheiten zu kaschieren oder Auseinandersetzungen zu vermeiden. Aus diesen und anderen Verhaltensweisen schließt der Autor, dass wir als Gesellschaft an einem »kollektiven Mangel an Erwachsensein« kranken.

In der Achtsamkeitspraxis gehe es nicht darum, »alles gut oder angenehm zu finden, sondern vielmehr darum, das Erlebte so anzunehmen, wie es ist, ohne es sofort verändern, bekämpfen oder verdrängen zu wollen«, schreibt der Autor. Diesen Grundsatz der Akzeptanz verbindet er im Verlauf des Buchs immer wieder mit einem erwachsenen Verhalten – sich selbst, aber auch anderen gegenüber. Denn um erwachsen zu handeln, müssten wir anerkennen, dass die Menschen um uns herum vielleicht ganz anders ticken als wir, meint Tobias Glück.

Andere anders sein lassen

Die »moralische Überhöhung des eigenen Standpunktes« sei also gerade kein erwachsenes Verhalten, sondern ein »Kontrollmuster«, mit dem wir vermeiden wollten, in den Austausch mit denjenigen zu gehen, die konträre Ansichten oder Haltungen vertreten. »Die Herausforderung besteht nun darin, auch dann emotional in Verbindung zu bleiben, wenn wir nicht mit der Meinung oder den Handlungen anderer übereinstimmen – und ihnen ihre Freiheit zuzugestehen, solange sie unsere eigene nicht einschränkt. Gleichzeitig gilt es, unsere eigene Freiheit zu schützen, indem wir klare Grenzen setzen und zu uns selbst stehen.« Dies sei nicht nur für unsere individuellen Beziehungen wichtig, sondern auch für unser Miteinander in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.

Widersprüche auszuhalten und selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen, aber auch die eigenen Bedürfnisse und Emotionen besser wahr- und anzunehmen – das fällt vielen von uns jedoch sehr schwer, meint Tobias Glück. Grund dafür seien vor allem prägende Erlebnisse aus der Kindheit, die sich bis heute auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten auswirkten, etwa auch in der Arbeitswelt: »Da werden fachliche und dienstliche Vorwände vorgeschoben, um persönliche Motive wie Macht, Kontrolle oder Anerkennung zu befriedigen. Wird diesen Motiven zuwidergehandelt, entstehen massive Konflikte, die tief in die Wirren der eigenen kindlichen Anteile und Verletzungen führen.«

In seinem Buch kompiliert der Autor viele wissenschaftliche und therapeutische Erkenntnisse über Bindung und Traumata, Emotionen, Stress- und Resilienzerleben. Trotz dieser enormen thematischen Bandbreite auf verhältnismäßig wenigen Seiten gelingt es Tobias Glück sehr gut, all diese Aspekte zu einer kohärenten und verständlichen Argumentation für mehr Erwachsensein zu verweben – und zwar ohne erhobenen Zeigefinger.

Der Autor betont vielmehr, dass wir unsere Prägungen und alten Muster jederzeit verändern könnten: »Erwachsenwerden ist keine gerade Linie mit einem Endpunkt, sondern ein lebendiger, oft auch widersprüchlicher Prozess.« Dank unseres neuroplastischen Gehirns ist dieser Prozess laut Tobias Glück eine unserer großen Stärken – und ein wichtiger Auftrag für unser gesamtes Leben.

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