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»Ethik der Appropriation«: Zu kurz gesprungen

Jens Balzer fehlt für eine »Ethik der Appropriation« das philosophische Instrumentarium. Eine Rezension
Trommler auf einer Karnevalsfeier

Es sind immer wieder die gleichen Beispiele, und viele dürften sie über die Tagesmedien inzwischen wahrgenommen haben: entnervt, zustimmend oder einfach nur belustigt. Da wird die Grünen-Spitzenpolitikerin Bettina Jarasch von ihrer Partei gezwungen, sich zu entschuldigen, nur weil sie öffentlich zugab, dass sie als Kind gern »Indianerhäuptling« geworden wäre; Fridays for Future lädt die für ein Konzert engagierte Musikerin Ronja Maltzahn wieder aus, weil sie Dreadlocks trägt – auftreten dürfe sie, wenn sie sie abschneide. Weitere ähnlich groteske Fälle lassen sich anführen, auch manche ernsthaftere.

Sehr guter Kenner der Musikszene

Solche Sachverhalte, die kontroverse Auseinandersetzungen auslösen, schreien geradezu nach ethischen Kriterien, um sie sicher beurteilen und einordnen zu können, zumal sich die Maßstäbe in der Gesellschaft stark verschieben. Daher kommt das neue Büchlein von Jens Balzer »Ethik der Appropriation« scheinbar wie gerufen. Balzer, Journalist und Musikkritiker für die »Zeit«, ist ein sehr guter Kenner der Musikszene, insbesondere der Jazz-, Pop- und Hip-Hop-Musik. Das geht aus seinem Buch deutlich hervor. Er ist auch bewandert in der Reggae-Musik, kennt sich hervorragend mit den Einflüssen unterschiedlicher Kulturen auf die Musikgeschichte aus, und er jongliert gekonnt mit Namen und musikalischen Entwicklungsstufen. Aber leider verharrt er auch in dieser eng begrenzten Musikgeschichte und in wenigen, eher flachen Alltagsphänomenen.

Seine Ethik der Aneignung fußt auf vielen richtigen Beobachtungen und bezieht immer wieder Modethemen wie Identität, Rassismus und Kolonialismus ein. Sein Hauptaugenmerk gilt dem Hip-Hop und der Tatsache, dass nicht dessen Urheber daran verdient haben, sondern Musiker wie Eminem. Was bei seinen Beobachtungen jedoch herauskommt, sind allzu schlichte Aussagen, die auf die ökonomische Ausbeutung von Farbigen in der US-Musikszene aufmerksam machen.

Nach Balzer ist eine »gute Appropriation jene, die erfinderisch ist; die das Spiel der kulturellen Möglichkeiten erweitert und uns zeigt, dass Identität ›nicht aus einer einzigen Wurzel erwächst‹, sondern aus einem Wurzelgeflecht, einem Rhizom«. Eine »schlechte Appropriation ist hingegen jede, die scheinbar vorgegebene Identitäten hinnimmt und verfestigt, die bestehende Machtverhältnisse ästhetisch ausnutzt und damit politisch zementiert«. Das ist so schwammig wie frei von Beurteilungskriterien. Balzer beruft sich auf Gewährsleute wie den karibischen Dichter und Philosophen Éduard Glissant sowie die Poststrukturalisten Jacques Derrida und Judith Butler sowie die Psychologen Gilles Deleuze und Félix Guattari – alles andere als Spezialisten für Ethik.

Sein Buch ist noch nicht einmal eine Vorstufe zu einer »Ethik der Appropriation«, wie der allzu vollmundige Titel verspricht. Dem Autor fehlen schlicht die philosophischen Grundlagen für ein tragfähige Ethik der Aneignung. Das überall beobachtbare Phänomen der Aneignung ist mehr als Enteignung oder Beraubung, wie sie in diesem aufgeheizten Diskurs gedeutet wird. Ethik fragt nach den Voraussetzungen für menschliches Handeln und entwickelt Kriterien und Maßstäbe für dessen Beurteilung. Dabei geht es ihr um allgemeine Prinzipien und Normen, auch um Vorgaben für gutes und richtiges Tun. Die sucht man in dem Buch von Balzer vergeblich.

Schlimmer noch: Balzer entwickelt Aussagen argumentativ nicht aneinander, sondern stellt sie nebeneinander und veranschaulicht sie notfalls durch einen Verweis auf Konkretes oder einen Text beziehungsweise ein Beispiel. Anstatt klar in seinen Aussagen zu sein, verwirrt er sich selbst in dialektischer Wortakrobatik.

Selbst in der Musikszene, wo er Spezialist ist, pickt er Beispiele so heraus, dass sie zu seinen Thesen passen, etwa wenn er schreibt: »In den Zwanzigern wurde Paul Whiteman zum ›King of Swing‹ gekrönt, in den Dreißigern Benny Goodman zum ›King of Jazz‹ …« Dabei unterschlägt er Namen gleichaltriger und sogar älterer, ökonomisch sehr erfolgreicher schwarzer Jazz-Musiker wie Duke Ellington, Count Basie, The Mills Brothers.

Das Buch ist sicher in weiten Teilen flott geschrieben und gibt einen guten Einblick in die Hip-Hop-Musikszene. Aber in seinen theoretischen Teilen ist es verschwurbelt und löst sein Titel-Versprechen leider in keinster Weise ein.

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