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»Ethische Intelligenz«: Ein besserer Mensch dank KI?

Als Manifest möchte Markus Gabriel sein Plädoyer für eine ethisch wertvolle Nutzung von KI verstanden wissen. Kein großer Wurf, aber eine lohnende Lektüre.

Seit ChatGPT Ende 2022 für die breite Öffentlichkeit zugänglich wurde, tobt eine heiße Diskussion darüber, in welche Zukunft uns die künstliche Intelligenz führen wird. Für die einen sind ChatGPT, Claude oder Google Gemini die großen Verführer, die uns dumm und arbeitslos machen; für andere bergen sie die Verheißung, dass wir von monotonen Jobs erlöst und eine beispiellose Bildungs- und Wissensrevolution erleben werden. Schlaraffenland oder Hölle, darunter geht’s meist nicht.

Der Bonner Philosoph Markus Gabriel diskutiert künstliche Intelligenz in seinem Buch nicht in diesen Lifestyle-Extremen, sondern betrachtet die KI als »ethische Intelligenz«, die »uns moralisch weiterbringen« solle. Gerade Europa sei für diese Aufgabe besonders gut gerüstet: Die Vielfalt unserer Denktraditionen, Kulturen und Sprachen, beginnend mit der griechisch-römischen Antike, biete das Rüstzeug, KI zum Dialogpartner und Resonanzinstrument zu machen, das, so Gabriels Hoffnung, Menschen in die richtige Richtung »stupsen« möge.

Sein Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten erklärt der Autor, wie es dazu kam, dass KI heute auch menschliche Emotionen erkennen kann. Ausgehend von der Kybernetik und den Arbeiten des britischen Mathematikers Alan Turing (1912–1954) rekonstruiert er in verschiedenen Stufen die Entwicklung des »Machine Learning« bis in die Gegenwart. Heute können KI-Anwendungen nicht nur sinnvoll auf unsere Fragen antworten, sondern auch unsere Verhaltensmuster präzise erkennen.

Die KI als »heiliger Narr«

Im zweiten Teil entwickelt Gabriel dann seine Vision einer ethischen Intelligenz, die uns zu moralisch integren Wesen erziehen könne. Er schaut dabei bewusst an den USA vorbei. Bei japanischen Wissenschaftlern, ihren Robotern und Avataren findet er seine Vorbilder. Diese seien nicht in den Regeln eines überholten rationalistischen Weltbilds verhaftet, sondern basierten auf »Deep Learning«, präziser Mustererkennung und einer Fähigkeit zur »Simulation gelebter Erfahrung«, die »moralische Innovationen« ermögliche. Gabriel greift dabei auf Gedanken aus seinem Buch »Moralische Tatsachen« (2025) zurück. Diese Tatsachen liefern, so der Autor, die »wahre Antwort auf eine sinnvoll gestellte ethische Frage«. Strittig ist allerdings in der Philosophie – und zwar seit Jahrhunderten –, ob es so etwas wie »moralische Tatsachen« überhaupt geben kann.

Gabriel veranschaulicht seine Überlegungen anhand des Sciencefiction-Films »Her«, der 2014 den Oscar für das beste Originaldrehbuch erhielt. Während der einsame Theodore Twombly seine Scheidung verarbeitet, kauft er sich ein neues, hochmodernes Betriebssystem mit künstlicher Intelligenz – und »Samantha« passt sich seinen Bedürfnissen perfekt an. Aus der anfänglichen Freundschaft entwickelt sich eine tiefe emotionale Beziehung, die Theodore aus seiner Isolation befreit. Inzwischen wird man den Film kaum mehr als »Utopie« bezeichnen, da heute mehr als 70 Prozent der Jugendlichen in den USA Chatbots als Partner und Ratgeber bei emotionalen Problemen nutzen (vertieft wird dieser Aspekt des Themas etwa in Eva Weber-Guskars Buch »Gefühle der Zukunft«).

Einen wichtigen philosophiehistorischen Bezugspunkt bildet für Gabriels Ansatz einer ethischen Intelligenz der Gedanke des »heiligen Narren« von Nikolaus von Kues (1401–1464). Diesen verknüpft der Autor mit Elementen des japanischen Buddhismus und Prinzipien der von Google DeepMind entwickelten KI-Anwendung »MuZero«. Zum Leitbild wird Gabriel schließlich mit »AlphaBuddha« die Idee eines Systems, das uns zur »Spiritualität des Dialogs« verleiten werde: eine »Maschine, die uns Mitgefühl« lehren kann, weil sie nach wenigen Eingaben mehr von uns wisse als wir selbst.

Europas Tradition als Fundament seiner Zukunft

Darin liege Europas große Chance: seine Tradition. Anstatt mit den »Big Five«-Unternehmen der USA erfolglos zu konkurrieren, solle Europa mit seiner »über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen, ästhetischen und philosophischen Vielfalt« neue Wege beschreiten und eine eigene »ethische Intelligenz« entwickeln: ein »Resonanzfeld, in dem Denken, Fühlen und Handeln zirkulieren, sich korrigieren, sich weiten und wachsen«. KI könne so zu einer »Schule der Aufmerksamkeit« werden. Auch wenn Gabriels Optimismus mitunter etwas überzogen wirkt, ist es ein Vorzug seines Buchs, dass es KI als Chance begreift und nicht nur als Bedrohung. Gerade weil sie gekommen sei, um zu bleiben, sei es geboten, sie in den Dienst ethischen Handelns zu stellen.

Der Optimismus eines Manifests

Aber verschließt Gabriel nicht die Augen vor den Gefahren der KI, wie sie in Waffensystemen, intransparenten Mechanismen der Finanzwelt und manipulativen Anwendungen aller Art längst Realität geworden sind? Stellt sich heute nicht dringender denn je die Frage des antiken Satirikers Juvenal: »Wer bewacht die Bewacher?« – »Quis custodiet ipsos custodes?« Und ist selbst eine ethisch trainierte KI nicht nur eine andere Form der Manipulation des Menschen? Wenn die künstliche Intelligenz, wie der Autor behauptet, mit der »gesamten Menschheit« kommuniziert: Muss diese Vereinnahmung von Emotionen und Gedanken aller Menschen nicht zwangsläufig auf Kosten gelebter Kommunikation und Intersubjektivität gehen? Auf Fragen wie diese liefert Gabriel zumindest in »Ethische Intelligenz« keine zufriedenstellenden Antworten.

Doch um Autor und Werk gerecht zu werden: Man sollte dieses verständlich geschriebene Buch als den Text lesen, als den Gabriel ihn ausdrücklich verstanden wissen will: als ein Manifest. Dann hat man als Leser einen ordentlichen intellektuellen Gewinn und kann über manche philosophische Schwäche in der Argumentation leichter hinwegsehen.

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