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Eine Reise ans Ende der Welt

Die Expeditionsfotografin Esther Horvath hat eine Polarexpedition mehrere Monate lang begleitet. Dabei sind spektakuläre Bilder entstanden.

»Die Arktis ist das Epizentrum des Klimawandels«, schreibt Markus Rex, Leiter der MOSAiC-Expedition im Vorwort. MOSAiC steht für »Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate«. Ein ganzes Jahr lang sollte der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern an einer Eisscholle festgefroren durch das Nordpolarmeer driften. An Bord je 100 Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus über 20 Ländern, die insgesamt fünfmal ausgewechselt werden. Ihr Ziel: die kleinen und großen Zusammenhänge zwischen Atmosphäre, Ozean, Meereis und den Lebewesen darin zu verstehen.

Eine schwindende Welt

»Wir brauchen solide wissenschaftliche Grundlagen, um die anstehenden politischen Entscheidungen zum Klimaschutz treffgenau (…) gestalten zu können«, erklärt Polarforscher Rex. Denn: »Die Arktis ist die Wetterküche Europas.« Wenn sie sich erwärmt, verändern sich die Winde. Das wiederum hat direkte Konsequenzen für unser Wetter und das weltweite Klima. Keine andere Region des Planeten erwärmt sich schneller als jene am Nordpol. Doch leider ist das auch jener Bereich, dessen Klimasystem wir bislang am wenigsten verstehen. Um das nachzuholen, bleibt nicht mehr viel Zeit.

»Wir müssen uns von der Arktis, wie wir sie heute kennen, verabschieden«, schreiben Esther Horvath, Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider. Ihnen ist klar: »Eine zweite Chance für eine solche Mission gibt es nicht.« Alle drei arbeiten für das Alfred-Wegener-Institut, das die MOSAiC-Expedition leitet. Gemeinsam haben sie diesen Band erstellt, der die Mission von Anfang bis Mitte Juni 2020 begleitet. Gleich auf der ersten Seite befindet sich eine Karte, auf der die Route der Polarstern eingezeichnet ist. Leider bleibt auch die MOSAiC-Expedition nicht vom Einfluss der Coronavirus-Pandemie verschont. Wegen der Reisebeschränkungen können die Teilnehmer der dritten Etappe nicht per Flugzeug anreisen. Stattdessen muss der Eisbrecher seine Drift unterbrechen, um das Team bei Spitzbergen abzuholen.

Die begleitenden Texte, die Hintergründe erklären, Historisches aufgreifen und mit Hilfe von Logbucheinträgen den Alltag der Forscher wiedergeben, stammen von den Medienprofis Grote und Weiss-Tuider. Dominiert wird das Werk aber durch die großformatigen Fotos von Horvath, die sich seit einigen Jahren der Fotografie von Polarregionen widmet. Mit einer der Aufnahmen, die bei dieser Expedition entstand, wurde Horvath sogar mit dem »World Press Photo Award« in der Umwelt-Kategorie ausgezeichnet. Leider wird das Bild nicht explizit gezeigt. Doch auch ohne diese Auszeichnung ist klar: Die Fotos sind ein Meisterwerk. Sie fangen die Stimmung, die Kontraste und das Licht ein, in das Horvath sich »sehr verliebt hat«, wie sie in einem Interview im hinteren Teil des Buchs gesteht.

Doch schon bald ist das Licht gänzlich verschwunden, denn ab Mitte November legt sich die Polarnacht über die Arktis. Als wäre es nicht Herausforderung genug, bei minus 40 Grad Celsius draußen zu arbeiten und den Gefahren des Eises zu begegnen, müssen die Expeditionsteilnehmer nun sechs lange Monate in absoluter Dunkelheit zurechtkommen. Darauf haben sie sich akribisch vorbereitet. In den mitunter surreal anmutenden Bildern ist förmlich die Hingabe der Forschenden zu spüren.

Schön ist auch, dass der Betrachter einen Eindruck vom Alltag auf und um die Polarstern bekommt: Ein ganzes Kapitel widmen Horvath und ihre Kollegen dem »Leben am Ende der Welt«. Beim ersten Bild denkt man anfangs an übliche Forschungsaktivitäten – bis man einen Fußball zwischen den Menschen auf dem Eis entdeckt. Für zwei Stunden sei abends eine kleine Eisfläche vor dem Schiff für Freizeitaktivitäten zugänglich, heißt es. Weil hier auch das Ende des World Wide Web erreicht sei, rückten lange vergessene Freizeitaktivitäten in den Fokus. So sind manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Musizieren, beim Stricken oder auf der Yogamatte abgelichtet.

Immer wieder finden sich Porträtaufnahmen sowie Zitate von Forschenden, die den Band noch persönlicher und authentischer machen. Doch auch der wissenschaftlich interessierte Leser findet in den ein bis zwei Doppelseiten langen Texten zwischen den Kapiteln genug fachliche Informationen und Impulse. Etwas schade ist, dass es zu einigen Bildern keine Erklärung gibt, so dass man nicht genau weiß, was abgebildet ist. Manches erinnert fast an eine Weltraummission; Horvath selbst sagt, die ersten Schritte auf dem Meereis hätten sich »wie eine Mondlandung« angefühlt. Trotzdem ist fraglich, ob der Titel »Die größte Forschungsreise aller Zeiten« gerechtfertigt ist. In jedem Fall ist die Expedition äußerst wichtig und beeindruckend, was der Band gut vermittelt. Wer noch mehr und bewegte Bilder von der Expedition sehen möchte, dem sei die TV-Dokumentation »Expedition Arktis« der ARD ans Herz gelegt.

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