»Expedition ins Unbekannte«: Licht in der Tiefe
»Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht«: Diese (auf Deutsch vorgetragene Zeile) stammt aus dem eindringlichen Song »Hello Earth« von Kate Bush. Sie kommt einem bei der Lektüre des von Florian Huber herausgegebenen Buchs über Schiffswracks der Tiefsee unwillkürlich in den Sinn. Einerseits, weil die fortgeschrittene Technik der Tauchboote und der Unterwasserroboter heute tatsächlich Licht in die Tiefe bringt; andererseits, da, poetisch betrachtet, die Welt der Schiffswracks eine ambivalente Faszination ausstrahlt. Insgesamt 19 Autorinnen und Autoren berichten hier über versunkene Schiffe, das Leben in der Tiefsee und dessen wissenschaftliche Erforschung.
Die Schiffe selbst erzählen Geschichten darüber, für wen sie was verkörperten, als sie noch über die Meere fuhren. Sie lassen erahnen, dass auf ihnen einst Menschen gelebt und gearbeitet haben oder auch nur von einem Ort zum anderen reisen wollten. Sie künden von Handelsreisen und Kriegen, aber auch vom Alltag ihrer jeweiligen Epoche. Und sie alle scheinen davon zu erzählen, dass sie noch eine Zukunft gehabt hätten, wäre nicht dieses eine Unglück dazwischengekommen, das sie auf den Grund des Meeres hat sinken lassen.
Berühmte Wracks, Geister- und Schatzschiffe
Meist findet das Thema des Buchs den Weg in die Öffentlichkeit nur dann, wenn es um berühmte Schiffe wie die »Titanic«, das deutsche Schlachtschiff »Bismarck«, antike Wracks oder gar »Schatzschiffe« geht. Ob populär oder nicht: Schiffswracks legen vor allem auch Zeugnis vom Alltagsleben vergangener Epochen ab.
Wie das »Geisterschiff in der Ostsee«. In einer Tiefe von 125 Metern scheint dieses Schiff mit den beiden noch immer aufrechtstehenden Masten seine Fahrt über den Meeresboden gleichsam fortzusetzen. Es konnte als eine niederländische Fleute identifiziert werden, die vor etwa 400 Jahren gesunken ist. Es handelt sich hierbei um ein Handelsschiff mit hoher Ladekapazität, das Mitte des 17. Jahrhunderts für den weltweit erfolgreichen Seehandel der Niederländer eine große Rolle spielte.
Das Schiff ist fast vollkommen erhalten. Gesunken ist es wahrscheinlich aufgrund eines Lecks. Es ist zu vermuten, dass eine der beiden Pumpen nicht funktionsfähig war, sodass die Besatzung das Schiff nicht mehr retten konnte. Johan Rönnby beschreibt eindrücklich, wie das Wrack mit einem Tauchroboter erkundet wurde: Man habe das Gefühl, ein Schiff zu betreten, das immer noch benutzt werde oder erst vor Kurzem aufgegeben worden sei. Sogar Holzschuhe ließen sich in einem Frachtraum erkennen. Ebenso waren in einer kleinen Kajüte im Heck noch ein umgestürzter Tisch sowie zwei Seemannskisten zu sehen. Die Kajüte ist sehr niedrig – was erahnen lässt, wie beengt das Leben der sechs bis acht Seeleute auf dieser Fleute gewesen sein muss. Immerhin lässt sich anhand heruntergefallener Spieren (Stangen aus der Takelage eines Segelschiffs) rekonstruieren, dass das Schiff vor seinem Untergang beidrehte, das Rettungsboot zu Wasser gelassen wurde und die Besatzung sich vermutlich retten konnte.
Die Tragödie der »SS Central America«
In den versunkenen Schiffen machen die Taucher immer wieder auch Funde, die anrühren und bewegen. Hierzu gehören die Daguerreotypien und Ambrotypien (Direktpositive auf Glas) mit etwa 145 Bildern, die aus einer Tiefe von mehr als 2000 Metern aus dem Wrack der »SS Central America« geborgen wurden. Das Passagierschiff, das 1857 in einem Hurrikan sank, verkehrte auf der Route New York – Panama – New York. Es war unter anderem beliebt bei Menschen, die durch den Goldrausch in Kalifornien reich geworden waren; seine Fracht hatte einen Wert von etwa drei Millionen US-Dollar in Gold.
Ebenfalls faszinierend sind die erhaltenen Porträtaufnahmen von Frauen und Männern. Bei drei Bildern ließen sich sogar noch die Fotografen identifizieren: R. H. Vance und C. Hamilton aus San Francisco, zwei damals sehr bekannte Fotografen. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts war es noch ein Zeichen für Reichtum und Luxus, sich fotografieren zu lassen. Man versendete Fotos gern, um Freunde und Verwandte mit dem eigenen Erfolg zu beeindrucken. Die Bilder strahlen eine eigentümliche Anziehungskraft aus. Nicht nur, weil sie so lange und in einer solchen Tiefe überdauert haben, sondern auch, weil man einen Einblick in eine vergangene Epoche bekommt, indem man einzelnen Menschen aus dieser Zeit begegnet. Man fragt sich unwillkürlich, ob die abgebildeten Menschen die Bilder nur versendet haben oder als Passagiere selbst mit dem Schiff untergegangen sind.
»Expedition ins Unbekannte« ist ein sehr lesenswertes Buch. Die Qualität der Beiträge, Fotos und Illustrationen überzeugt. Das Buch ist interessant für alle, die sich für die historischen und archäologischen Aspekte des Themas interessieren, aber auch für Leser, die mehr über das Arbeiten in großen Tiefen und über die Tiefsee als Ökosystem erfahren möchten.
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben