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Der Mensch in extremen Umwelten

Ein Weltraummediziner erklärt, wie sich unser Körper an außergewöhnliche Belastungen anpasst und wie dieses Wissen der Medizin weiterhilft.

Wie schaffen es Extremsportler, Ultramarathons durch die Wüste oder die Arktis zu meistern? Welche Auswirkungen hat ein Aufenthalt im All auf die menschliche Physiologie? Und was bedeutet der Klimawandel für unsere Gesundheit? Diese und viele weitere Fragen beantwortet Hanns-Christian Gunga im vorliegenden Buch. Der Autor ist studierter Geologe und Paläontologe, Facharzt für Physiologie sowie Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Charité in Berlin. In seinem Werk »Extrem« lässt er seine Expertise aus allen drei Fachbereichen einfließen.

Roter Faden fehlt manchmal

Beginnend beim Urknall erläutert er, wie die Erde mit ihren lebensfreundlichen Eigenschaften entstanden ist, wie sich der Mensch im Lauf seiner Evolution an verschiedene Herausforderungen der Umwelt angepasst hat und wie unser Körper heute auf Extrembedingungen wie sengende Wüstenhitze, arktische Kälte, dünne Höhenluft oder gar Schwerelosigkeit im Weltall reagiert. Dabei berichtet er auch über aktuelle Forschungsprojekte und -ergebnisse, an denen er zum Teil selbst beteiligt war und ist. Häufig lässt er zudem Autobiografisches einfließen.

Leider fehlt allerdings öfter ein roter Faden. In vielen Fällen schweift der Autor seitenlang zu allgemeinen Randinformationen oder persönlichen Erfahrungsberichten ab, die wenig mit dem eigentlichen Thema des jeweiligen Kapitels zu tun haben. Wer sich vor allem für die auf dem Cover angekündigte Frage interessiert, was unser Körper zu leisten vermag, kommt erst in der zweiten Hälfte des Buchs auf seine Kosten. Zwar zieht Gunga auch in den Kapiteln über den Urknall und die menschliche Evolution immer wieder Verbindungen zur menschlichen Physiologie, bleibt dabei aber sehr allgemein.

Erst ab dem vierten Kapitel widmet er sich detailliert der Frage, wie unser Körper außergewöhnliche Belastungen aushält, ermöglicht und verarbeitet. Am Beispiel von Ultra-Wettbewerben wie einem 250-Kilometer-Lauf durch die Wüste, einem Rennen über rund 5000 Kilometer in New York und einem 700-Kilometer-Lauf durch die Arktis zeigt er auf, zu welchen extremen Leistungen Menschen fähig sein können. Dabei beleuchtet er sowohl körperliche Faktoren, darunter etwa die Auswirkungen verschiedener Trainingsstrategien auf Leistung und Gesundheit, als auch psychische Charakteristika von Menschen, die sich für solche extremen sportlichen Herausforderungen entscheiden. So hat er beispielsweise in einer Studie herausgefunden, dass erfolgreiche Ultralangstreckenläufer eine höhere Konzentration des Neuropeptids Y im Gehirn haben, das mit mentaler Stärke in Verbindung gebracht wird.

In einem weiteren Kapitel beschäftigt er sich mit der Frage, wie der menschliche Körper mit extremen Temperaturen umgeht. Dabei erläutert er unter anderem physiologische Mechanismen der Thermoregulation und vergleicht diese mit Überlebenskünstlern aus dem Tierreich wie Kamelen, die Körpertemperaturen von mehr als 40 Grad Celsius tolerieren. Deutlich wird dabei, wie empfindlich unser Körper auf Temperaturschwankungen reagiert. In diesem Zusammenhang stelle der Klimawandel, durch den Hitzewellen häufiger werden, ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem dar, konstatiert Gunga.

An mehreren Stellen gibt der Autor fundierte Tipps, etwa zu gesundem sportlichem Training, zur langsamen Gewöhnung an Höhenluft bei Bergwanderungen oder zum Verhalten bei Hitzewellen. Viele dieser Ratschläge sind zwar nicht neu (etwa viel trinken bei Hitze), erhalten aber einen Mehrwert dadurch, dass er genau erläutert, für welche Prozesse im Körper das wichtig ist.

Abschließend geht Gunga darauf ein, wie Erkenntnisse zur menschlichen Physiologie unter Extrembedingungen auch der regulären Medizin weiterhelfen können. Beispielsweise stammt die Erkenntnis, dass die Haut als Salzspeicher eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutdrucks spielt, aus der Raumfahrt. Auch zahlreiche Innovationen, die heute in der Reha-Technik eingesetzt werden, wurden ursprünglich für Astronauten entwickelt, die in der Schwerelosigkeit massiv an Muskelmasse verlieren.

Dem Autor zufolge richtet sich das Buch an alle »an den Wundern des Lebens interessierte« Leserinnen und Leser. Durch seinen erzählerischen Stil gelingt es ihm, wissenschaftliche Erkenntnisse anschaulich zu machen und einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Forschung zu Extremen grundlegende Mechanismen unserer Physiologie aufdeckt.

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