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Buchkritik zu »Fair Future. Der Wuppertal-Report«

Nicht nur der Ölpreis steigt, auch viele andere Rohstoffe werden immer knapper und teurer. Die Weltwirtschaft stößt an natürliche Grenzen. Die Frage, wohin der Handel die Rohstoffe verfrachtet und warum das oft zu unfairen Bedingungen geschieht, beschäftigt nicht nur Globalisierungskritiker. Konferenzen wie das Weltsozialforum oder die Treffen der G8-Länder erregen allgemeine Aufmerksamkeit.

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat jetzt einen "Report" zur Gerechtigkeitsfrage herausgegeben. Drei Jahre lang hatte eine Forschungsgruppe das Thema "Welche Globalisierung ist zukunftsfähig?" untersucht. Das Buchprojekt leiteten der vor Kurzem in den Club of Rome berufene Theologe und Soziologe Wolfgang Sachs sowie Tilman Santarius, Fachmann für Wirtschaft, Soziologie und Ethnologie. Zehn weitere Autoren – Ökonomen, Naturwissenschaftler, Juristen und Philosophen – waren beteiligt.

Die Bezeichnung "Report" klingt nach Faktenreichtum und empirischen Studien. Das erste Kapitel beginnt jedoch mit einem historischen Exkurs. Von der Entdeckungsfahrt des Kolumbus spannt Wolfgang Sachs einen Bogen zum Terror des 11. September 2001. Ein halbes Jahrtausend nach ihrem Beginn wende sich die Globalisierung gegen ihren Urheber, den Westen: "Auch die Mächtigen werden – wie der Angriff auf das World Trade Center zeigt – von den Leidensfolgen ihrer fernen Taten heimgesucht." Eine politisch höchst dubiose Aussage.

Über den Ressourcen verschwendenden Welthandel kommt der Autor zur Tugend der ökologischen Gerechtigkeit, die auch Fairness zwischen Menschen und anderen Lebewesen erfordere. Der akademisch-pastorale Jargon erinnert an den Katechismus einer Naturreligion: "Das Leben erweist sich als kommunitäre Veranstaltung; ein Gewebe vielfältiger Beziehungen konstituiert das Einzelwesen, die Anemone ebenso wie den Affenbrotbaum, den Wurm ebenso wie den Wal." Beim Fazit gut 30 Seiten später ist Sachs wieder im vertrauten Fahrwasser des Wuppertal Instituts: "Es ist hohe Zeit, das Industriemodell der Wohlstandsmoderne auf den Prüfstand zu stellen."

Nach dem eher theoretischen Einstieg bringt das zweite Kapitel harte Fakten über die Machtstrukturen des Welthandels. Die natürlichen Ressourcen werden ungerecht verteilt; was sind die Ursachen dafür? Die Autoren prangern vor allem die Marginalisierung armer Bevölkerungsgruppen und unfaire internationale Vereinbarungen an, etwa einseitige Zölle. Abhilfe soll eine transnationale Ethik der Ressourcengerechtigkeit schaffen. Die Autoren berufen sich auf die Kant'sche Utopie einer Weltbürgergesellschaft, was angesichts der Vielzahl undemokratischer bis despotischer Regime, von China über Weißrussland bis Simbabwe, überaus realitätsfern wirkt.

Auf die Bestandsaufnahme folgen Lösungsvorschläge, etwa das "Leapfrogging", das Überspringen inzwischen überholter Technologien. Die Entwicklungsländer brauchten so nicht unsere Fehler zu wiederholen, sondern würden beispielsweise gleich ihren Energiebedarf dezentral aus regenerativen Quellen befriedigen. Prinzipiell solle die Politik die Globalisierung leiten und nicht der Markt. Um einen faireren Handel zu schaffen, sollten etwa Handelsverträge den deutlich schwächeren Partner begünstigen.

Eine ehrenwerte Idee, deren geschichtliche Einordnung jedoch fragwürdig ist: Das Konzept vom Primat der Politik stamme aus der europäischen Aufklärung und damit aus der Antike, während das Konzept der marktgeleiteten Globalisierung sich "bis zur Freihandelsidee im England des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen" lasse. Das ist nur die halbe Wahrheit: Auch der Gedanke des Freihandels wurzelt in der Aufklärung. Handelsliberalisierung kann der wirtschaftlichen Entwicklung durchaus nützen, wie die Autoren im vorletzten Kapitel selbst anerkennen: Die differenzierten Ausführungen unter dem Titel "Verträge für Fairness und Ökologie" heben sich wohltuend vom Rest des Buchs ab.

Im Schlusskapitel mutiert der Report mit einem Schlag zum politischen Strategiepapier für Europa. Die Autoren hoffen, der Kontinent möge zu einer "kristallisierenden Kraft für eine demokratische und ökologische Weltgesellschaft" werden. Doch müsse sich Europa jetzt entscheiden zwischen der präventiven Kriegsführung der USA und "den Marktfundamentalisten" einerseits, "präventiver Gerechtigkeit" und "Koalitionen mit gleichgesinnten Staaten" andererseits.

Blenden wir, um zu bilanzieren, die politische Missionierung kurz aus. Viele Informationen in dem Buch regen zum Nachdenken an, gewiss. Die Erkenntnis, dass die entwickelten Länder ihren Wohlstand teilweise dem Export von Umweltschäden und unfairen Handelsverträgen verdanken, ist zwar nicht neu, wird in diesem Buch aber sehr klar und ausführlich belegt. Doch die Lektüre des Reports hinterlässt einen üblen Nachgeschmack: Die vielen Daten und Literaturhinweise stützen eine einseitige Weltanschauung. Diese richtet sich gegen Wirtschaftsliberalismus und die US-Regierung, zwei Feindbilder, die gepflegt und gehätschelt werden. Wer von der Wuppertaler Denkfabrik einen ausgewogenen Report erwartet hatte, den wird "Fair Future" enttäuschen – und Anemone, Wurm und Wal haben auch nichts davon.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 10/2005

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