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Buchkritik zu »Fallbuch Biochemie«

Als ich vor fünfzig Jahren nach Cleveland zur Western Reserve University kam, einer privaten Institution, wurde dort gerade ein neuer "integrierter" Medizinstudiengang eingeführt, zu dem sich die Kliniker und Vorkliniker (die dort natürlich eigenständig heißen) nach langen Diskussionen und Kommissionsitzungen entschlossen hatten. Dadurch sollten die trotz strikt beobachteten Numerus clausus Zugelassenen zugleich mit der Physiologie und eventuellen Pathologie der Betreuten die physiologisch-chemischen und mikrobiologisch-hygienischen Grundlagen erlernen und in der Praxis sinnvoll anwenden. Dabei tauschten sich natürlich die einzelnen Jungmediziner unter Anleitung der Tutoren und Professoren aus, damit eine breite Basis für den angestrebten Beruf gebildet wird.

Mir hat das sehr imponiert und ich glaube, den Studenten auch. Ich weiß nicht, ob sie besser wurden als die durch die normalen Medical Schools Gegangenen. Aber dieses Arbeiten und Lernen war neuer Federweißer in neuen Schläuchen und machte euphorisch. Es kostete natürlich die Departmentchefs viel Engagement, aber: Amerika, Du hast es besser!

Inzwischen ist also ein halbes Jahrhundert vergangen. Auch hier ist viel an der Medizinerausbildung geschnitzt worden, und sie hat nun bestimmt hohe Grade. Auch die Notwendigkeit, die Grundlagen exakter Wissenschaft in die dem durch ausgleichende Vernetzungen unexakten Leben so nahe liegende Medizin zu bringen, ist erkannt. Und dass es wichtig ist, den Medizinstudierenden frühzeitig das Argument zu nehmen, die ganze Vorklinik wäre nur ärgerlicher Prüfungsballast, auswendig gelerntes Zeug für den Quiztest, fern von Krankenbetten und hippokratischer Empathie.

Hier nun ist ein ganz famoses Buch von zwei offenbar ganz famosen und kenntnisreichen Medizinern aus Paderborn und aus Kassel erarbeitet worden, um diese Thesen zu widerlegen. Im ersten Teil werden 80 Fallbeispiele von kleinen und großen, weiblichen und männlichen Patienten sehr mitfühlend und praxisnah, aber nicht ohne anekdotischen Humor vorgestellt. Die beiden Doktoren beschreiben, und nehmen dabei durch Text und Bild den Leser psychologisch ganz hervorragend mit. Sie zeigen die Ursachen und Verläufe von häufigeren und weniger häufigen, aber heute immer im Fokus stehenden Stoffwechsel-, Infektions- und Erbkrankheiten ebenso wie ihre Therapie, die Wirkung der verabreichten Arzneimittel und die Prognose samt Bereitung des Umfelds.

Auf jedes Beispiel und die gestellten Fragen kommen unter der gleichen Nummer im zweiten Teil des Buchs die Antworten und Kommentare, Anregungen zur vertiefenden Präexamens-Gruppenarbeit und insgesamt eine Menge Wissenwertes über Ursachen und Wirkungen, Folgen und Verantwortlichkeiten. Letzte schleicht sich fast unbemerkt ein, ohne dabei dem Studenten liebdienernd entgegenzukommen. Es ist wie ein Gespräch unter Kollegen mit Lehr- und Lerneifer.

Alles ist durchdacht, mit sauberen Formeln belegt und hat mich begeistert, sodass ich das gesamte Buch in drei Tagen durchgelesen und durchgedacht habe. Natürlich nicht, ohne zu merken, dass fünfzig Jahre eine ziemlich lange Vergangenheit sind. Aber immerhin habe ich doch die Begeisterung für einen solchen Beweis, wie schön angewandte Biochemie-Forschung sein kann, behalten ebenso wie den Anschluss an diese Wissenschaft.

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  • Quellen
BIOspektrum 1/2007

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