»Female Mindsets«: Weiblichkeit und gesellschaftliche Erwartungen
Auch wenn der Titel dies suggerieren mag: »Female Mindsets« ist kein Ratgeber, der erklärt, wie man mit der richtigen Einstellung alle Problemlagen des Frauseins meistert. Vielmehr deckt das Buch gängige Vorstellungen und Stereotype über das Frausein – sogenannte Mindsets – auf und dekonstruiert sie. Das Ziel der Autorin ist es, von Erwartungshaltungen befreite Sichtweisen zu ermöglichen und damit Freiräume für Entscheidungen bei der Geburt sowie über Sexualität und Weiblichkeit zu schaffen. Denn bei gängigen Ansichten dazu, was Weiblichkeit ist, handele es sich, so Lisa Hoffmann, meist um gesellschaftliche Zuschreibungen und Konstruktionen und nicht um Naturgesetze.
Die Psychologin Lisa Hoffmann nimmt sich aus verschiedenen Perspektiven der Frage an, was in unserer Gesellschaft in Bezug auf Frauen als normal gilt, und zeigt, welche Auswirkungen das jeweils auf unsere Wahrnehmung von Weiblichkeit hat. Lehrkräfte beider Geschlechter unterschätzen zum Beispiel die Mathematikkompetenzen von Mädchen, während sie ihre Sprachfertigkeit überschätzen. Hoffmanns sozialpsychologischer Blick richtet sich aber auch auf die Wissenschaft, die immer noch männlich dominiert sei, was sich an der jeweiligen Anzahl der Veröffentlichungen ablesen lasse. Dieses Ungleichgewicht habe Auswirkungen auf die Forschungsergebnisse, vor allem, wenn es um Geburt und weiblichen Sex gehe.
Die Autorin spannt den Bogen sehr weit – aus gutem Grund, denn unterschiedlichste Aspekte beeinflussen unsere Perspektiven. So analysiert und dekonstruiert sie Geschlechtsstereotype, kognitive Dissonanzen und sich selbst erfüllende Prophezeiungen im Diskurs um Weiblichkeit. Zuweilen fragt man sich jedoch, ob die von der Autorin postulierte Entscheidungsfreiheit – etwa dazu, wie man gebären will, ob man Kinder möchte oder nicht – praktisch wirklich so umfassend sein kann, wie von ihr gefordert. Schließlich befindet sich ein Individuum stets in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld – ganz abgesehen von der größeren, philosophischen Frage, wie frei menschliche Entscheidungen überhaupt sein können.
Wann ist eine Geburt »normal«?
»Female Mindsets« gibt den wissenschaftlichen Status quo zu den genannten Themen wieder, der sich in vielen Punkten von gesellschaftlich verbreiteten Ansichten unterscheidet. Eine Geburt wird beispielsweise landläufig als »normal« betrachtet, wenn sie ohne medizinische Intervention stattfindet. Die Norm, also das, was empirisch am häufigsten stattfindet, ist jedoch, dass die Medizin in irgendeiner Weise involviert ist, auch wenn nicht immer gleich eine Sectio vorgenommen wird. Eine Sectio findet bei 30 Prozent der Geburten statt, obwohl sie nur bei 10 bis 15 Prozent als medizinisch notwendig eingestuft wird. In diesem Kontext zeigt die Autorin exemplarisch, wie sich das Mindset von Frauen auswirkt, wie Einstellungen also die Realität formen. So benötigen Frauen, welche die Geburt eher als natürlichen Prozess ansehen, seltener medizinische Intervention – ein starkes Argument für die Wirksamkeit psychologischer Faktoren.
Ihre Erkenntnisse gewinnt die Autorin durch Studien, einige von ihnen sind im Rahmen ihrer Forschungsarbeit am Institut für Hebammenwissenschaft der Universität Bonn entstanden. Erfahrungswerte ohne stichhaltige Studien macht sie stets als anekdotische Evidenz kenntlich. So finden es viele der von ihr befragten Frauen nicht schlimm, bei vaginalem Sex nicht zum Orgasmus zu kommen, bei der Masturbation würden sie hingegen nicht vor dem Höhepunkt aufhören. Erkenntnisse werden so eingängig und mit einem Augenzwinkern serviert.
Die vielen Anglizismen im Text wirken mitunter etwas störend, doch sind sie angesichts des Titels auch erwartbar. Von Zeit zu Zeit lässt Hoffmann ihre Meinung zu bestimmten Themen durchblicken, streut einen flapsigen Kommentar ein oder nennt Perspektiven »albern« – ob sie hier jeweils richtig liegt, mag jeder selbst entscheiden. Insgesamt eignet sich das Buch für alle, die Interesse an den Themen Geburt und Sexualität haben und wissen möchten, welche gesellschaftlich vermittelten Mythen und Bilder zu ihnen bestehen.
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