»Fetisch Intelligenz«: Über Intelligenz lässt sich streiten
Im Dezember 2024 lobte Elon Musk in einem X-Post die AfD. Nur sie könne Deutschland retten, schrieb der Mann, der sich selbst für ein Genie hält – und dies die Welt auch permanent wissen lässt. Einen Monat später habe sich ein Mann aus Südkorea in die Lobhudelei für Musk und die AfD eingereiht – ein Mann, der angeblich einen IQ von sage und schreibe 276 habe nachweisen können, schreibt Gisela Schmalz. Die AfD habe das Lob des vermeintlich intelligentesten Menschen der Welt genüsslich auf ihren Social-Media-Kanälen geteilt – bis sie kurz darauf alle Posts dazu wieder gelöscht habe. Herausgestellt habe sich nämlich, so die Wirtschaftswissenschaftlerin und Philosophin, dass der vermeintliche Geniestatus des Mannes aus Südkorea erstunken und erlogen gewesen sei. Mit diesem Beispiel illustriert Gisela Schmalz die zentrale These ihrer Streitschrift: Intelligenz ist zum »Fetisch« geworden – was sich vor allem diejenigen zunutze machen, die damit nichts Gutes im Schilde führen.
Zunächst wird laut der Autorin heillos überschätzt, was wir gemeinhin »Intelligenz« nennen. Denn entsprechende Tests messen nur einen schmalen Ausschnitt der menschlichen Fähigkeiten: »Kreativität, geistige Flexibilität, Prioritätensetzung, Kritikfähigkeit, holistisches Denken, Intuition, Zielauswahl, soziale, moralische oder motorische Talente ermitteln gängige IQ‑Tests nicht«, moniert Schmalz. Außerdem würden die kulturellen Wertvorstellungen des Westens bei gängigen Verfahren immer indirekt mitgetestet – diejenigen anderer Kulturen, die beispielsweise praktische Fähigkeiten in das Verständnis von Intelligenz einbezögen, kämen dagegen in den Tests nicht vor. Diese Verengung liegt laut Schmalz auch daran, dass herkömmliche IQ-Messungen den Anforderungen einer neoliberalen Wirtschaftsordnung entsprechen: »Zu einer Kultur mit den Idealen Effizienz, Wettbewerb, Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung und Digitalisierung passt ein enger, funktionalisierbarer Intelligenzbegriff.«
Der Preis des Fetischs
Unsere gesellschaftliche Fixierung auf Intelligenz und ihre Überhöhung führten vor allem zu Leistungsstress in Schule und Beruf, zu Stigmatisierungen bei Bildungschancen und zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, wenn Menschen ihren IQ-Wert stark internalisierten und ihr Selbstwertgefühl daran ausrichteten – die Autorin verwendet dafür gar die Metapher des Krebsgeschwürs. Gisela Schmalz zufolge dient der IQ damit als »gesellschaftsstrukturierendes Instrument«, das politisch eine deutliche Schlagseite besitze. So zielten Rechte und Rechtsextreme unter Begriffen wie »Human Diversity« oder »Human Biodiversity« darauf ab, ganze Bevölkerungsgruppen mit dem Verweis auf vermeintlich geringere Intelligenzwerte zu diskriminieren. »Die Verbindung zwischen Intelligenzfetisch und rechtem Spektrum hat eine lange Tradition«, konstatiert Schmalz.
Laut der Autorin werden derartige hochgefährliche Diskurse auch von Pseudowissenschaftlern unterstützt, die unter dem Deckmantel der Intelligenzforschung eugenisches Gedankengut verbreiteten. Vom Gros der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihres Fachgebiets würden sie trotzdem nicht systematisch und nachhaltig kritisiert, moniert die Autorin: »Dass diese Leute sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben können, verdanken sie der Toleranz einer Forschungsgemeinschaft ohne klare Standards für ihre Forschung.«
Künstliche Intelligenz als verstecktes Ideal gängiger IQ‑Tests?
Aber auch Elon Musk und andere libertäre Tech-Giganten aus dem Silicon Valley tragen gemäß der Autorin dazu bei, eine auch noch in anderer Hinsicht menschenfeindliche Vorstellung von Intelligenz zu forcieren: »Fetischisiert wird nicht nur die Intelligenz der dort aktiven Menschen. Auch die Intelligenz der dort entwickelten Technologien wird zum Fetisch«, kritisiert Gisela Schmalz. Das gesamte Konzept der IQ-Messungen müsse daher dringend überdacht werden: »Dass Maschinen überhaupt per IQ‑Test testbar sind, entlarvt, dass das den Standard-IQ‑Tests zugrunde liegende Intelligenzkonzept mehr einer künstlichen als einer menschlichen Intelligenz entspricht.«
Die Autorin plädiert dafür, den Intelligenzbegriff wieder am Menschen auszurichten – und die Perspektive der Philosophie stärker in diesen Diskurs einzubeziehen. Demnach könnte eine philosophische Definition lauten: »Intelligenz ist das, was Menschen nach dem Warum fragen lässt.« Dieser Vorschlag überzeugt als Alternative zu rein psychometrischen Intelligenzkonzepten, auch wenn Gisela Schmalz in ihm die Bedeutung von Emotionen für ein alternatives Verständnis von Intelligenz ebenfalls vernachlässigt.
Trotz einiger Ungenauigkeiten und Redundanzen gelingt es der Autorin, anhand vieler Details zu belegen, wie tief der vorherrschende Intelligenzdiskurs mit neoliberalen und mitunter gar rechtsextremen Denkmustern verwoben ist. »Fetisch Intelligenz« ist eine Streitschrift, die aktuelle gesellschaftliche Prämissen gleich auf mehreren Ebenen nachhaltig infrage stellt.
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