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Genialer Physiker und Bongotrommler

Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Umbruch der Physik durch die Quantentheorie vollzogen war, standen die Theoretiker vor der Aufgabe, sie mit der Relativitätstheorie zu vereinen. Wie Einsteins berühmte Formel E = mc2 besagt, sind Masse und Energie austauschbar. Somit können Teilchenstöße mit ihrer Wucht neue Partikel erzeugen oder vorhandene vernichten, das heißt in pure Strahlungsquanten verwandeln. Zur Beschreibung solcher Vorgänge braucht man eine relativistische Theorie gequantelter Felder.

Bei der Lösung dieser Aufgabe spielte der US-Amerikaner Richard Feynman (1918-1988) eine zentrale Rolle. Teilchenphysiker hantieren heute gewohnheitsmäßig mit Feynman-Diagrammen, um Näherungslösungen für komplexe Wechselwirkungen zu berechnen. Vor allem für die Quantenfeldtheorie des Elektromagnetismus leistete Feynman Pionierarbeit, die 1965 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem trug er zur Theorie der starken Wechselwirkung bei: Aus Feynmans hypothetischen "Partonen" wurden kurz darauf die Quarks seines jüngeren Kollegen Murray Gell-Mann (* 1929). Und die Theorie der schwachen Kraft faszinierte Feynman so sehr, dass er unabhängig von anderen die Paritätsverletzung – die Brechung der Spiegelsymmetrie – bei schwachen Zerfällen beschrieb. Obwohl er dabei nicht der Erste war, hielt er diese Entdeckung eines neuen Naturgesetzes für seine größte Leistung.

Von Pfadintegralen zu Feynman-Diagrammen

All dies und noch viel mehr erzählt Jörg Resag, promovierter Physiker und populärwissenschaftlicher Autor, in seinem glänzenden Buch über Feynmans Leben und Forschung. Resag gelingt die Engführung biografischer Details mit Darstellungen der physikalischen Zusammenhänge. So zeigt er überzeugend, wie Feynmans frühe Faszination vom Prinzip der kleinsten Wirkung ihn zur Methode der Pfadintegrale führte – um einen Quantenprozess zu berechnen, summiere man alle möglichen Übergänge vom Anfangs- zum Endzustand – und von dort weiter zum Formalismus der Feynman-Diagramme.

Dabei kommt Resag zugute, dass der Protagonist seiner Biografie ein äußerst ungewöhnlicher, interessanter und sympathischer Mensch war. Letzteres gilt zumindest aus einiger Entfernung. Für enge Kollegen wie Gell-Mann war Feynman, der Bongotrommler und rastlose Wirbelwind, anscheinend bei aller Wertschätzung auch eine ziemliche Nervensäge.

Ähnlich wie Einstein reagierte Feynman auf Autoritäten allergisch. Das nützte seiner wissenschaftlichen Originalität, trieb aber manchmal Vorgesetzte zur Verzweiflung. So leistete er sich in Los Alamos allerlei Schabernack, während er am hochgeheimen Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe mitwirkte. Legendär wurde sein Beitrag zur Untersuchung der Challenger-Katastrophe, als er öffentlich demonstrierte, dass unterkühlte Dichtungsringe die Explosion der Raumfähre ausgelöst hatten – und dass die NASA-Bürokraten entsprechende Warnungen der Ingenieure unterdrückt hatten.

Bei Vorträgen riss Feynman seine Hörer mit, darin sind sich alle einig, die ihn noch selbst erlebt haben oder die heute auf Youtube die zahlreichen Aufzeichnungen seiner Auftritte betrachten. Als schriftliches Dokument seines originellen Denkstils, der stets anschauliche Plausibilität auch bei schwierigsten Zusammenhängen anstrebte, besitzen wir die drei Bände der "Feynman Lectures on Physics". Dieser wissenschaftliche Best- und Longseller sei allen empfohlen, die durch Resags schöne Biografie eines außergewöhnlichen Menschen auf den Geschmack gekommen sind.

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