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Fleisch: Vom Mangel zum Überfluss

Jagd, Viehzucht, Massentierhaltung: Der Fleischverzehr hat die Menschheit während ihrer gesamten Geschichte begleitet. Das Buch zeichnet nach, wie eng Mensch und Tier in ihrer Entwicklung verbunden sind und endet provokant.

Es gibt Bücher, bei denen man sich fragt, ob der Autor bei der Wahl des Titels ein Mitspracherecht hatte. »Fleisch – Wie es die Gesellschaft spaltet« ist eines davon. Denn anders als die Überschrift vermuten lässt, handelt es sich um eine kurze Geschichte der menschlichen Ernährung, die der österreichische Militärhistoriker Ilja Steffelbauer fachkundig und gut lesbar zusammengetragen hat. Die verkaufsfördernde »Spaltung« der Gesellschaft findet sich erst im letzten Drittel des Werks.

Strukturiert, verständlich und humorvoll

Auf rund 90 Seiten räumt Steffelbauer zunächst mit veralteten Ansichten der Anthropologie auf und präsentiert die Rolle des Tiers als Nahrungsquelle, angefangen bei unseren frühen Verwandten, den Menschenaffen, gefolgt von Jäger-und-Sammler-Gesellschaften über Nomadenhirten bis zu den sesshaften Ackerbauern. Strukturiert, verständlich und gelegentlich humorvoll erklärt der Autor, dass Fleisch in all der Zeit eine qualitativ wichtige, quantitativ aber untergeordnete Rolle für die menschliche Ernährung spielte.

Umso deutlicher stellt der Historiker die soziale Bedeutung der Jagd und später generell des Fleischkonsums heraus. So berichtet er über Schimpansen: »Die erfolgreichen Jäger (teilten) ihre Beute mit nicht an der Jagd beteiligten Mitgliedern der Gruppe.« Das steigert nämlich die Chancen auf Sex. Zugleich behalten die Affen gesammelte Nahrung meist für sich, denn diese ist weniger von Teamarbeit und Jagdglück abhängig.

Weiterhin erfährt man, weshalb Milchvieh wertvoller ist als Fleischvieh: Es liefert 2,5-mal so viel Energie auf Grundlage der gleichen Grasfläche. So wird früh im Buch deutlich, dass der Autor dafür plädiert, auch heute Fleisch einen Raum in der Ernährung einzuräumen: »Vieh wandelt Gras, das Menschen nicht essen können, in Milch und Fleisch um, was Menschen essen können.« Es ist dieser undogmatische, wissenschaftlich fundierte Blick, der die Lektüre sowohl informativ als auch angenehm macht. Ackerbau funktioniert nun einmal nicht auf allen Böden, und nicht jede Viehhaltung ist Quälerei und eine ökologische Katastrophe.

Steffelbauer findet fast immer leicht nachvollziehbare Herleitungen, weshalb diese oder jene Form des Fleischkonsums in einer bestimmten Situation der menschlichen Geschichte eine gewisse Funktion erfüllte. Das schlüsselt der Autor im Mittelteil des Buchs für die einzelnen Nutztierarten noch einmal näher auf. Beispielsweise erläutert der Historiker, wie die moderne Fleischindustrie die Rolle des Schweins pervertiert: ursprünglich ein Tier, das alle möglichen Abfälle in hochwertiges Fleisch verwandelte; heute benötigt man große Ackerflächen, um es mit Futter zu versorgen. Gerade anthropologischen Laien erschließt sich im Buch umfassend, wie der Konsum tierischer Produkte und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft einander bedingt haben. Nicht zuletzt versteht man »die emotionale Nähe, die wir Menschen zu unseren Nutztieren entwickelt haben«, die zur Kritik vieler an der modernen Fleischwirtschaft führt.

Im letzten Drittel des Werks schildert der Autor zunächst, wie die Weltreligionen Verbote bestimmter Fleischsorten nutzen, um sich von Andersgläubigen abzugrenzen, und »den Verzicht auf etwas, was man ohnehin nicht wirklich hätte haben können, als spirituelle Leistung erscheinen lassen«. Dabei überzeugen nicht alle Passagen. Ist es tatsächlich unplausibel, dass Menschen der Antike das Schwein als unrein erschien, wenn es sich in Schlamm und Fäkalien wälzte? Doch auch hier finden sich spannende Fakten, etwa, dass die »heilige Kuh« in Indien weniger als Milchvieh oder Fleischquelle, sondern als Pflugtier bedeutsam ist, deren Fladen als Brennstoff dienen – und welche Probleme das Schlachtverbot bis heute nach sich zieht. So sinke die Milchproduktion seit Jahren, weil Kleinbauern es sich nicht leisten können, zusätzlich zu den alternden Tieren jüngere und produktivere zu halten. Das führt einerseits zu steigenden Milchpreisen, die für eine ganze gesellschaftliche Schicht kaum noch erschwinglich sind. Andererseits werden Alttiere in die Natur ausgesetzt, wo sie dann umliegende Felder und Weiden abgrasen, von denen sich eigentlich andere Tiere ernähren sollten.

Das insgesamt sehr positive Bild des Werks wird am Ende leicht getrübt, wenn Steffelbauer auf den Veganismus der Gegenwart zu sprechen kommt. In seiner berechtigten Kritik an der Ideologie mancher Vertreterinnen und Vertreter provoziert er mit psychologischen Interpretationen, die im Einzelfall zutreffend sein können, in dieser Pauschalisierung aber enttäuschen. Schade ist auch, dass der Eindruck entsteht, die Kritik betreffe Vegetarier gleichermaßen. Denn Argumente wie Tierschutz, Artenvielfalt, Klimawandel und kritische Haltung gegenüber dem modernen Fleischkonsum, welche die meisten Vegetarier stärker motivieren als das Ringen um die eigene gesellschaftliche Bedeutung, bringt der Autor in seinem Buch durchaus selbst vor.

Teilen kann man in jedem Fall seinen Aufruf zu Toleranz und differenzierten Sichtweisen: »Es ist nicht das Fleischessen an sich, das nicht nachhaltig und schlecht für das Klima ist, sondern die kapitalistische, industrielle Viehwirtschaft und der exzessive Fleischkonsum, den sie den Menschen in den Industrieländern anerzogen hat, um ihrem Primärziel dienen zu können.«

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