»Fragile Psyche«: Die Kraft des Zerbrechlichen
Das Leben in der Leistungsgesellschaft habe, so die landläufige Meinung, am besten linear und zielgerichtet zu verlaufen. Das Adjektiv »fragil« ist deshalb in unserem Sprachgebrauch zumeist negativ behaftet. Resilienz und Belastbarkeit hingegen werden als Stärken und Garanten für Erfolg beschworen. Diese Vorstellung setze uns in unangemessener Weise unter Druck, so Daniel Hells Argumentation.
Denn die menschliche Biografie sei immer auch geprägt von Brüchen und Einschnitten. In praktisch jedem Leben gebe es Zeiten des Scheiterns sowie Kränkungen, die zu Verletzungen und zu psychischen Erkrankungen führen können. Der emeritierte Professor für Psychiatrie der Universität Zürich möchte mit seinem Konzept der fragilen Psyche dieser biopsychosozialen Gemengelage gerecht werden. Die Erfahrung der Fragilität sei qua Reflexion und Selbstbewertung allein dem Menschen zugänglich, dies sei Gabe und Schicksal zugleich. Hell sieht darin eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir uns veränderten Umständen anpassen und weiterentwickeln. Er arbeitet die Relevanz der Fragilität für die menschliche Entwicklung über verschiedene Phasen von der Kindheit bis zum Alter heraus und nimmt dabei immer wieder Bezug auf wichtige psychologische Theorien.
Unser Selbstbewusstsein macht uns fragil
Entwickelt ein Kind ein Bewusstsein für sich selbst und dann auch ein Selbstbild, wird es dadurch fragiler – denn Ereignisse oder Umstände können an diesem Selbstbild rütteln oder gar Risse in ihm hinterlassen. Wenn ein Kind beispielsweise denkt, dass es am schnellsten rennen kann, führt die Erkenntnis, dass dies nicht der Fall ist, zu einem Bruch im Selbstkonzept. Solche Einsichten sind im Laufe unserer Entwicklung keine Ausnahme, sondern die Regel. Je differenzierter das Selbstkonzept, desto leichter bekommt es Risse. Erwachsene erleben solche Brüche etwa bei beruflichen Misserfolgen oder im Rahmen einer Krankheit, die ihre körperlichen Möglichkeiten einschränkt.
Vor allem die letzte Phase des Lebens wird unter diesem Aspekt neu bewertet, führt doch das Wissen um unsere Endlichkeit oft zu einer Neubewertung vieler Dinge. Die fragile Psyche verändere und passe sich an die mutmaßlich kurze verbleibende Zeit an, indem ihr vieles, das ihr vorher groß erschien, nun unwichtig werde.
Eine Depression ist auch eine Chance
Der Autor veranschaulicht sein Konzept der Fragilität nicht nur über die verschiedenen Lebensphasen, sondern stellt auch geistesgeschichtliche Bezüge etwa zu Seneca oder Luther her oder verortet Fragilität aus soziologischer Perspektive in der heutigen Gesellschaft. Am Beispiel der Depression veranschaulicht Hell, wie sich Brüche oder Risse neu bewerten lassen – nämlich als Chance zu Veränderung und Weiterentwicklung. Ohne solche Erlebnisse sei eine therapeutische Arbeit kaum erfolgversprechend. Die Persönlichkeit entwickle sich schließlich über die ganze Lebenszeit hinweg und befinde sich dabei keineswegs konstant in einem psychischen Gleichgewicht. So sieht der Autor Krisen oder das Scheitern als normale Stationen des Lebens, die als Auf- oder Umbruch zu Positivem führen können; eine Perspektive, die Raum für Nachsicht und Optimismus schafft und die Angst vor Rückschritten mildert.
Ein tiefgründiges und fundiertes Buch für alle, die ihre Fragilität annehmen wollen, um sich und andere besser zu verstehen, Perspektiven zu verändern und Entwicklung zu ermöglichen. Ganz im Sinne einer berühmten Zeile aus Leonard Cohens »Anthem«: »There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in.«
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