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Die verlorene Mutter und die verlorene Vernunft

Eine philosophische Sicht auf das Leben Sigmund Freuds.

Wie gelingt eine weitere Biografie über eine Person, über die bereits alles gesagt zu sein scheint? Dieser Herausforderung hat sich der Psychoanalytiker und Philosoph Joel Whitebook gestellt, der bereits mit seinen früheren Werken von sich reden machte, in denen er die kritische Theorie mit der Psychoanalyse vereinte.

In seinem Buch rückt der Autor einen wenig belichteten Aspekt in den Vordergrund: Freuds Mutter. Wer Freuds Theorie kennt, wird sich wundern, dass die Beziehung zu seiner eigenen Mutter so selten thematisiert wird. Die verschiedenen Gründe erörtert Whitebook ausführlich.

Dunkle Aufklärung

Die zweite wichtige Frage des Werks ist die nach dem Verhältnis der Psychoanalyse zur Rationalität. Whitebook prüft den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, mit dem sich die Psychoanalyse immer wieder konfrontiert sieht. Dabei bringt er die freudsche Wahrheitssuche in den Tiefen der menschlichen Psyche in Zusammenhang mit der Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegels 100 Jahre zuvor. Er bezeichnet Freud als Vertreter der »dunklen Aufklärung« – einer Strömung, die auf den Versuch der Gegenaufklärung, der Irrationalität zu ihrem theoretischen Recht zu verhelfen, reagierte, indem sie Irrationales akzeptierte und in ihre Theorie integrierte. Freuds Theorie fasst das Unbewusste, das nicht nach rationalen Gesichtspunkten strukturiert ist, als einen der zentralen Treiber menschlichen Verhaltens auf.

Die größte Stärke der Biografie ist, dass sie Freuds Leben und Wirken anhand zweier neuer, interessanter Thesen zur Psychoanalyse aufarbeitet. Der Autor schreibt verständlich und verzichtet weitestgehend auf Fachbegriffe. Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht unbedingt nötig.

Einziger Wermutstropfen sind die seltenen, polemisierenden Ausführungen zur Philosophie der Postmoderne, die Whitebook undifferenziert als »hypomanische Feier des ›Endes der Vernunft‹ und des ›Endes des Subjekts‹« verunglimpft. Das trübt die Lektüre allerdings kaum. Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich für Freud und seine Arbeiten interessieren.

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