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König der Widersprüche

Das Bild des »Alten Fritz« als fürsorglicher Landesvater sei eine postum idealisierende Konstruktion, schreibt der Historiker Tim Blanning.

Madame de Staël (1766-1817), französische Schriftstellerin, hellsichtige Essayistin und intime Kennerin Deutschlands, schrieb 1810, Preußen zeige ein »Doppelgesicht wie der Januskopf – ein militärisches und ein philosophisches«. Diese Ambivalenz hatte in Preußen offenbar eine lange Tradition, denn schon der berühmte Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) war ein durch und durch widersprüchlicher Charakter gewesen, wie der englische Historiker Tim Blanning in diesem Buch schreibt.

Nach einer Einführung in die Geschichte Brandenburg-Preußens und der Familie der Hohenzollern widmet sich Blanning seinem Protagonisten, beschreibt wichtige Etappen in Friedrichs Leben und stellt sie in den größeren Zusammenhang von dessen Regentschaft. Der Autor behandelt nahezu alle Aspekte: die traumatische Kindheit unter dem tyrannischen Vater; die unbeschwerten Kronprinzenjahre am Musenhof auf Schloss Rheinsberg; der völkerrechtswidrige Überfall auf Schlesien kurz nach Friedrichs Regierungsantritt im Jahr 1740; der verlustreiche Siebenjährige Krieg und der damit verbundene Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht; die zwischen Österreich, Russland und Preußen beschlossene erste Teilung Polens sowie der bayerische Erbfolgekrieg (1778/79), der zwar ohne größere militärische Aktionen verlief, aber den fortdauernden preußisch-österreichischen Gegensatz verstetigte.

Schwer berechenbarer und rücksichtsloser Machtmensch

Die Stärke von Blannings Buch liegt in der analytischen Tiefe und Stringenz, mit denen es die Widersprüchlichkeit Friedrichs in nahezu allen Lebensbereichen erfasst. Aus einem außerordentlichen Wissensfundus über den Preußenkönig schöpfend, beschreibt der Autor seinen Protagonisten als einen schwer berechenbaren und rücksichtslosen Machtmenschen, der mit größter Beharrlichkeit seine ganz persönlichen Absichten verfolgte und dabei weder Risiken scheute noch seine territorialen Ressourcen an Menschen und Material schonte. Der gleiche Herrscher, in dessen Reich jeder nach eigener Fasson glücklich werden sollte, schränkte die Pressefreiheit ein und ging mit drakonischen Strafen gegen Deserteure und Andersdenkende vor. Damit kratzt der Autor am Bild des fürsorglichen Landesvaters. Wie der Autor überzeugend herausarbeitet, ging es Friedrich mehr um seinen eigenen Ruhm als um das Wohl seines Volks. Vieles, was »erste Diener des Staats« innenpolitisch auf den Weg brachte, sei aus staatspolitischem Kalkül heraus erfolgt, die vermeintliche Bürgernähe eine postum idealisierende Konstruktion.

Dank profunder Kenntnis der Primärquellen gelingt es Blanning, ein differenziertes Bild Friedrichs herauszuarbeiten. Dies gilt insbesondere für die Frage nach des Königs sexueller Orientierung, die der Autor anhand bislang wenig beachteter Gedichte und Briefe erörtert. Gängige Erklärungsversuche, wonach sich der Kronprinz eine Geschlechtskrankheit eingefangen habe und der dadurch erforderliche chirurgische Eingriff ihn den Frauen entfremdet und seine homophile Neigung begünstigt habe, greifen Blanning zufolge zu kurz. Briefe mit unmissverständlichem homoerotischem Unterton, Friedrichs Beziehung zu seinem Kämmerer Fredersdorf sowie zu königlichen Pagen und Husaren deuten vielmehr auf ein homophiles Umfeld am Königshof mit bisweilen misogynen Tendenzen hin, wie der Autor schreibt. Friedrichs Hof in Potsdam sei für Frauen gewissermaßen eine No-Go-Area gewesen. Selbst Friedrichs Hunde hätten bei Damenbesuch gebellt.

Zwiespältig sind Friedrichs Wirken als politischer Autor und sein Umgang mit Gelehrten. Blanning kann schlüssig nachweisen, dass die schriftstellerischen Ambitionen des Preußenkönigs im Wesentlichen davon geprägt waren, seinen Nachruhm durch ein von ihm präsentiertes und geschöntes Geschichtsbild abzusichern. So wie die Selbststilisierung als Philosophenkönig war auch seine angebliche spartanische Bescheidenheit nur Fassade. In Wahrheit führte Friedrich einen babylonischen Lebensstil und gab ein Vermögen für Schnupftabakdosen und höfischen Dekor aus.

Bei aller Kritik an Friedrich beschreibt Blanning seinen Protagonisten als einen klugen Monarchen, der als politischer Intellektueller hochkarätige historische Traktate verfasste, mit ungewöhnlichen Architekturkenntnissen ein beispielloses Bauprogramm bis hin zur Machtarchitektur des Neuen Palais vorantrieb, Kammermusik schrieb und praktizierte, die Berliner Akademie der Wissenschaften förderte und die Grundlagen für das großartige Gesetzeswerk des Allgemeinen Landrechts legte. Große Erfolge erzielte Friedrich auch bei der Ansiedlung ausländischer Bauern auf neu gewonnenem Ackerland. So gelang es zwischen 1746 und 1763, das Oderbruch zu entwässern, mehr als 1000 Familien auf dem erschlossenen Land anzusiedeln und fremde Handwerker und Fabrikanten mit Zuschüssen und Steuerbefreiungen anzuwerben.

Wer Blannings Buch gelesen hat, wird einige Abstriche am traditionellen Bild des »Alten Fritz« machen müssen. Blanning hat ein gründlich recherchiertes, quellennahes und äußerst informatives Buch vorgelegt, das trotz erschlagender Materialfülle den roten Faden nicht verliert und den Preußenkönig in all seinen Licht- und Schattenseiten betrachtet.

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