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Haustiere züchten

Seit mehr als 60 Jahren läuft ein russisches Experiment, das einzigartige Einblicke darein gewährt, wie Wild- zu Haustieren werden.

Vor mehr als 15 000 Jahren schloss sich der Wolf dem Menschen an und wurde zum Hund. Wieso und auf welche Weise das geschah, ist in vielen Teilen noch rätselhaft. Fest steht, dass sich Hund und Wolf heute in zahlreichen Eigenschaften unterscheiden. Dazu gehören die sprichwörtliche Treue des Hunds und seine Fähigkeit, mit dem Menschen zu kommunizieren. Aber auch körperliche Veränderungen sind nachweisbar. So können sich Haustiere wie der Hund das ganze Jahr über fortpflanzen, während Wildtiere üblicherweise nur einmal im Jahr paarungsbereit sind. Auch haben die ersten in der Regel Gesichter, die mehr dem »Kindchenschema« entsprechen, beispielsweise durch eine kürzere Schnauze und Schlappohren.

Der russische Genetiker Dimitri Beljajew (1917-1985) kam vor mehr als 60 Jahren auf die Idee, ein groß angelegtes Zuchtexperiment durchzuführen, um die Domestikation des Wolfs zum Hund nachzuvollziehen. Für diesen Versuch, der noch immer läuft und bis heute seinesgleichen sucht, wählte er Silberfüchse aus, eine Farbvariante des Rotfuchses (Vulpes vulpes). Einerseits stehen diese dem Wolf verwandtschaftlich nah, andererseits wurden sie in der Sowjetunion auf großen Farmen gezüchtet, um ihre begehrten Pelze zu gewinnen.

Über die Generationen hinweg immer weniger wild

Unter dem Vorwand, die Pelzausbeute zu verbessern, verpaarte Beljajews Mitarbeiterin Ludmila Trut, die Koautorin dieses Buchs, gezielt die jeweils ruhigsten Füchse miteinander. So entstanden von Generation zu Generation zahmere Individuen, die bald alle Merkmale von Haustieren zeigten. Sie begrüßten vertraute Menschen, indem sie mit dem Schwanz wedelten; besaßen Schlappohren; bellten, um Eindringlinge zu vertreiben; und zeigten sich früher im Jahr paarungsbereit als die Tiere der Kontrollgruppe. Am Ende lebten einige von den zahmen Füchsen sogar mit Menschen in einem Haus auf dem Versuchsgelände zusammen. Mit ähnlichen Methoden gelang es den Forscher(inne)n, besonders aggressive Füchse zu züchten und dadurch quasi eine Gegenprobe zu machen.

Eindrucksvoll haben die Wissenschaftler damit bewiesen, dass Domestikation recht einfach durch Selektion auf Zahmheit herbeigeführt werden kann. Durch gezieltes Verpaaren ändert sich der Hormonhaushalt der Füchse, was sowohl die fehlende Aggressivität als auch den früheren Eintritt in die Geschlechtsreife erklärt. Beljajew sprach hier von einer destabilisierenden Selektion, denn seiner Ansicht nach hielt die natürliche Selektion den Hormonhaushalt der Wildfüchse stabil – ein Mechanismus, den die Domestikation außer Kraft setzt, wie er meinte.

Die Anfänge des Domestikationsexperiments fielen in eine Zeit, in der genetische Versuche in der Sowjetunion verboten waren. Als Günstling Stalins gab der sowjetische Biologe Trofim Lyssenko (1898-1976), der die Genetik als »westliche Dekadenz« verurteilte, in der russischen Wissenschaft lange den Ton an. Beljajews Zuchtexperiment war deshalb mit hohem persönlichem Risiko verbunden. Erst Anfang der 1960er Jahre war es russischen Genetikern wieder gestattet, an internationalen Fachtagungen teilzunehmen. Dort stießen die zahmen Füchse auf großes Interesse, und es brach eine Zeit des wissenschaftlichen Austauschs und fachübergreifender Kooperationen an. Beljajew selbst ging in seinen letzten Lebensjahren sogar noch einen Schritt weiter und übertrug seine These auf den Menschen, der demnach ein »selbstdomestizierter« Affe sei.

»Füchse zähmen« ist ein leicht verständliches und mit Herzblut geschriebenes Werk zwischen Wissenschaft und Roman. Neben interessanten Einblicken in die Domestikation erfahren die Leser Details über die Geschichte der russischen Wissenschaft, insbesondere unter der Ägide Lyssenkos, aber auch über die politischen Umwälzungen nach dem Zerfall der Sowjetunion. Einige Seiten mit Farbfotos zeigen die hundeähnlichen, zahmen Füchse und vermitteln einen Eindruck von der Forschungsstation.

22/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2018

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