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Wider den Hörverlust

Ein Mediziner und ein ehemaliger DJ zeigen auf, warum es bei einsetzender Schwerhörigkeit wichtig ist, nicht zu lange mit einem Hörgerät zu warten.

Unser Gehör lässt mit zunehmendem Alter nach. Jede(r) dritte über 50-Jährige und jede(r) zweite über 70-Jährige ist schwerhörig. Nicht nur die eingeschränkte Schallwahrnehmung ist daran problematisch: Das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, liegt für Schwerhörige um 400 Prozent höher als für normal Hörende. Schwerhörigkeit befördert die Entstehung einer Demenz außerordentlich stark, verglichen mit anderen Risikofaktoren.

Diese wissenswerten Tatsachen und vieles mehr vermitteln Thomas Sünder und Andreas Borta in ihrem wunderbaren Buch, das durchweg spannend und unterhaltsam ist. Thomas Sünder hat als ehemaliger DJ und Hörsturz-, Tinnitus- und Morbus-Menière-Betroffener reichlich persönliche Erfahrung zum Thema gesammelt und sich eingehend mit medizinischer Forschung und Hörakustik beschäftigt. Sein Ko-Autor Andreas Borta ist Psychologe und Mediziner und arbeitet daran mit, medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten bei Hörverlust zu entwickeln.

Folgenreicher Schwindelanfall

Eingangs schildert Sünder einen heftigen Schwindelanfall, den er während eines Auftritts als DJ erlitt und an dessen Ende die Diagnose »Morbus Menière« stand. Diese Episode ist in dem Buch so anschaulich beschrieben, dass einem beim Lesen fast schlecht wird. Die Geschichte von Sünders Erkrankung und die beruflichen Konsequenzen, die sich für ihn daraus ergeben, durchziehen das Buch wie ein roter Faden. Interessant und ernüchternd sind dabei auch seine Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem und das Gebaren der Rentenversicherung.

Im ersten Teil des Werks geht es darum, wie das Ohr zu dem hoch entwickelten Sinnesorgan wurde, das es heute ist. Vom Gleichgewichtsorgan bei Hohltieren über das Seitenlinienorgan der Fische bis hin zu unserer ausdifferenzierten Hörschnecke erklären die Autoren ausführlich die Hintergründe. Dabei vermitteln sie auch physikalische Zusammenhänge lebendig und fesselnd.

Doch das Ohr ist nicht allein für die Schallwahrnehmung verantwortlich. Das »echte« Hören findet nämlich erst statt, wenn etwa 3000 Haarzellen des Innenohrs ihre Eindrücke an rund 30 000 Nervenfasern weitergegeben haben und diese dann in etwa 100 Millionen Neuronen der Hörrinde des Gehirns analysiert werden. Das Denkorgan verarbeitet die Eindrücke nicht nur und gleicht sie ab, sondern gibt auch Rückmeldungen an die Ohren, welche die weitere Hörinformation beeinflussen.

Im Fall einer Altersschwerhörigkeit kann das Gehirn lange Zeit fehlende Höreindrücke ergänzen, so dass sich die Symptome zunächst nur sehr dezent bemerkbar machen. Doch Nervenbahnen, die nicht genutzt werden, bilden sich zurück – und offensichtlich setzt dieser Abbau einen Mechanismus in Gang, der auch die Demenzentstehung begünstigt. Die Studie, die das Autorenduo zu diesem Thema zitiert, hat aber auch gezeigt: Das Demenzrisiko liegt bei denjenigen, die ein Hörgerät tragen, nicht höher als bei normal Hörenden. Man kann also etwas tun.

Erste Anzeichen für eine beginnende Altersschwerhörigkeit sind, wenn man den Fernseher laut stellen muss und bei starken Umgebungsgeräuschen die Ansprache von anderen zunehmend schlechter verstehen kann. Beides sollte Anlass sein, einen Hörtest zu machen. Einen versteckten Hörverlust auszugleichen, ist für das Gehirn sehr anstrengend und lässt einen schnell ermüden. Da verloren gegangene Verbindungen zum Gehirn nicht wieder aufgebaut werden, sollte man sich mit der Entscheidung für ein Hörgerät nicht allzu viel Zeit lassen.

Sünders Erkrankung führte letztlich dazu, dass er seinen Beruf als DJ aufgab und mit einer Umschulung zum Hörakustiker liebäugelte (die von der Rentenversicherung aber nicht genehmigt wurde, weil DJ kein Ausbildungsberuf ist und nur auf »gleichwertige« Berufe umgeschult werden kann). Im letzten Teil des Werks gibt er tiefe Einblicke in die moderne Welt der Hörgerätetechnik. Er beschreibt die neuesten Hightech-Hörgeräte sehr ambitioniert und erhellend. Die einprogrammierte Simultanübersetzung von Fremdsprachen ist allerdings noch Zukunftsmusik.

Interessant sind auch die Ausführungen der Autoren zum Thema Lärm. In der Ursachenliste umweltbedingter Erkrankungen steht Lärm gleich an zweiter Stelle, direkt hinter Luftverschmutzung. Vor allem der meist negativ bewertete Fluglärm hat viele gesundheitliche Konsequenzen – von Depressionen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaf- bis Herzrhythmusstörungen. Physikalisch gesehen ist laute Musik für die Ohren genau das Gleiche wie Lärm. Doch bei Ersterer werden (vorausgesetzt, sie gefällt einem) anders als bei Zweiterem viele Glückshormone ausgeschüttet. Die Autoren hätten noch etwas detaillierter auf die individuell unterschiedliche Bewertung von Höreindrücken eingehen können sowie auf Wechselwirkungen zwischen Höreindrücken und psychischen Empfindungen. Möglicherweise würde das aber ein weiteres Buch füllen.

Das Buch ist absolut lesenswert für alle, die mehr über ihre Ohren und den Hörsinn wissen möchten, und ganz besonders für jene, die mit Erkrankungen wie Hörsturz, Hörverlust, Tinnitus oder Morbus Menière konfrontiert sind. Die Autoren haben viel Wissen in eingängiger Lektüre verpackt. Und wer es noch genauer haben will, der findet ein ausführliches Literaturverzeichnis im Anhang.

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