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Die Unterschiede im Blick

Die Gendermedizin untersucht, wie Geschlechterunterschiede die Gesundheit beeinflussen. Dieses Buch gibt einen Überblick.

Frauen und Männer erkranken auf unterschiedliche Weise: Ihre Risikofaktoren unterscheiden sich ebenso wie typische Symptome und das Ansprechen auf bestimmte Therapien. In der medizinischen Forschung gelten jedoch meist Männer als Standard. Denn wenn Wissenschaftler neue Medikamente entwickeln, testen sie die entsprechenden Arzneistoffe oft nur an männlichen Probanden, und selbst in den präklinischen Tierstudien meiden sie weibliche Versuchstiere – da deren Zyklus das Ergebnis beeinflussen könnte. »Um Frauen und Männer gleich gut zu behandeln, muss man ihre Ungleichheit anerkennen und ganz konkret erforschen«, davon sind die Autorinnen des vorliegenden Werks überzeugt.

Biologische und soziokulturelle Unterschiede

Vera Regitz-Zagrosek ist Gründungsdirektorin des Berliner Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité und hat sowohl die deutsche als auch die internationale Gesellschaft für Gendermedizin gegründet. Gemeinsam mit der Wissenschaftsjournalistin Stefanie Schmid-Altringer gibt sie in dem Werk einen Einblick in die verschiedenen Facetten der geschlechtssensiblen Medizin. Dabei geht es nicht nur um biologische Unterschiede der Geschlechter, sondern ebenso um soziokulturelle Faktoren. Denn die gesellschaftlichen Vorstellungen und Prägungen von Frauen wie Männern wirken sich auf die Gesundheit aus. So gelten Frauen gemeinhin als gesundheitsbewusster, gehen häufiger zum Arzt und ernähren sich ausgewogener, während Männer oft mehr Sport treiben.

Zunächst befassen sich die Autorinnen mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die die Gesundheit von Männern und Frauen beeinflussen. Dabei stützen sie sich zum Teil auf wissenschaftliche Studien, die im angehängten Quellenverzeichnis aufgeführt sind. Wiederholt treffen sie jedoch auch Aussagen, die nicht evidenzbasiert und zum Teil sogar falsch sind. In einer esoterisch angehauchten Gleichsetzung des weiblichen Monatszyklus mit dem Leben einer Frau ordnen sie hier den Eisprung der »Lebensmitte bis um den 40. Geburtstag« zu. Angeblich erreichten hier »Lust und Fruchtbarkeit […] ihren Höhepunkt«. Zahlreichen Studien zufolge nimmt die Fruchtbarkeit in diesem Alter jedoch bereits stark ab.

Stellenweise gleicht die erste Buchhälfte einem pseudowissenschaftlichen Diätratgeber. Zwar kritisieren die Autorinnen einerseits den »Selbstoptimierungswahn«, dem aus ihrer Sicht viele Frauen anhängen, geben unmittelbar darauf aber ebenfalls Tipps zur Selbstoptimierung, unterstützt von Slogans wie »Push up your life!«. Überdies empfehlen sie ihren Leserinnen, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin oder »andere wunderbare Gesundheitswege« auszuprobieren, sich dabei vom eigenen »Bauchgefühl« leiten zu lassen und medizinische Autoritäten und Leitlinien kritisch zu hinterfragen. Zu Recht kritisieren sie, die evidenzbasierte Medizin (im Buch als »Schulmedizin« bezeichnet) habe viele ihrer Erkenntnisse vor allem an Männern gewonnen. Frauen deshalb jedoch zu Methoden zu raten, denen jegliche Evidenz fehlt, überzeugt nicht.

Die zweite Hälfte des Buchs widmet sich detailliert und medizinisch fundiert verschiedenen Erkrankungen, die sich bei Männern und Frauen jeweils unterschiedlich äußern. Das bekannteste Beispiel ist der Herzinfarkt. Als typisch geltende Symptome wie stechende Brustschmerzen treten vorwiegend bei Männern auf, während Frauen oft unspezifische Symptome wie Luftnot und Übelkeit wahrnehmen. Deshalb werden Herzinfarkte bei Männern in der Regel schneller erkannt, was die Überlebenschancen verbessert. Geordnet nach Organsystemen gehen die Autorinnen auf eine Vielzahl an Krankheiten ein, stellen jeweils die Besonderheiten bei Frauen heraus, erläutern Ursachen, Diagnostik und therapeutische Möglichkeiten und geben Tipps, was Frauen für ihre Gesundheit tun können. Die meisten Tipps sind zwar nicht neu – nicht rauchen, ausreichend bewegen, Symptome ärztlich abklären lassen – haben aber tatsächlich das Potenzial, die Gesundheit zu fördern.

Auch spezielle »Frauenthemen« beleuchten die Autorinnen. Sie informieren beispielsweise verständlich über Entstehung, Vermeidung und Abbruch von Schwangerschaften sowie über Vor- und Nachteile einer Hormontherapie in der Postmenopause. Bei den meisten erläuterten Krankheitsbildern gehen sie zudem darauf ein, wie sich eine Schwangerschaft jeweils auf Verlauf und Therapie auswirkt.

Der zweite Teil des Werks vermittelt somit hilfreiche Informationen zur Gendermedizin, die Frauen dabei unterstützen können, eigene Symptome besser zu verstehen und einzuordnen. Auch für Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten kann gendermedizinisches Wissen nützlich sein, etwa um gezielt nach bestimmten Therapien zu fragen. Dank der Gliederung nach Organsystemen eignet sich das Buch zudem als Nachschlagewerk.

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