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Buchkritik zu »Genesis Woher kommen wir?«

Claude Nuridsany und Marie Pérennou sind berühmt geworden durch erstklassige Naturfotografie mit hohem wissenschaftlichem Anspruch (Spektrum der Wissenschaft 11/1998, S. 164) sowie den Erfolgsfilm "Mikrokosmos". Nun haben sie – als Regisseure, Drehbuchautoren und Kameraleute zugleich – einen Film über die Entstehung des Lebens auf der Erde produziert; und schon erwartet man Dokumentaraufnahmen samt wissenschaftlicher Erläuterung. Nicht gerade von der wenig leinwandtauglichen Ursuppe, aber vielleicht von Quastenflossern oder anderen "lebenden Fossilien", deren über Jahrmillionen kaum veränderte Gestalt uns einen Einblick in die evolutionäre Vergangenheit der Erde gibt.

Weit gefehlt! Auf der Leinwand erscheint ein Schamane und trägt dem Publikum eine Erzählung vor: "Eine uralte Legende erzählt von Doppelwesen auf der Erde, am Beginn der Zeit, die männlich und weiblich zugleich waren …" Der Titel "Genesis" ist ernst gemeint. Die Autoren haben sich nicht nur von einem Illustrationsband zum ersten Buch des Alten Testaments inspirieren lassen; sie haben versucht, eine eigene Schöpfungsgeschichte zu erzählen: durchaus basierend auf dem aktuellen Wissensstand, aber in der Form eines Mythos.

Die Darsteller des Films sind Tiere, aber sie spielen nicht nur sich selbst: Schlammspringer, Meerechse, Seepferdchen und viele andere sind lebende Metaphern für Schöpfung, Liebe, Vergänglichkeit oder Tod. Wenn ein Grabfrosch langsam aus dem Schlamm emporwächst, dann drängt sich die biblische Geschichte von der Erschaffung des Menschen aus einem Lehmklumpen auf – und schon haben die Regisseure eines ihrer Ziele erreicht.

Der Film orientiert sich an den Phasen des Lebens: Entstehung, Fortpflanzung und Verfall. Der Ursprung des Universums wird durch verfremdete Aufnahmen natürlicher Elemente symbolisiert: Kristallwachstum in Wasser, Tröpfchenbildung in Großaufnahme, Sand, Rauch, Seifenblasen und vieles mehr. Gerade hier wird deutlich, dass es sich nicht um eine Dokumentation, sondern um ein Kunstwerk handelt.

Selten habe ich so eindrucksvolle Aufnahmen eines Embryos gesehen. Und hier ist "Genesis" dann doch ein wissenschaftlicher Film. Jean-Marc Levallant, der das Material zu diesen Sequenzen beisteuerte, hat mit Hilfe einer neuen Ultraschalltechnik, der "3-D-Sonografie", nicht nur fantastische Bilder erstellt, sondern in den zweieinhalb Jahren, die er dafür investierte, auch neue Erkenntnisse gewonnen und veröffentlicht. So war bis dahin nicht bekannt, dass schon ein zwei Monate alter Embryo auf seinen Knien im Fruchtwasser herumstolziert.

Im letzten Teil, der von der Vergänglichkeit des Lebens handelt, verwandelt sich der Film wieder zur Märchenerzählung: Der Schamane trägt den Gedanken vom Kreislauf allen Lebens vor und stellt Tod und Verfall einerseits als unvermeidliches Ende, andererseits auch als Neubeginn dar.

Der Film "Genesis" nimmt Bilder aus der Natur und passt sie in seine Geschichte ein. Es geht nicht um Verstehen und Lernen, es geht um Sehen, Staunen und Bewundern. Wer vor allem wissenschaftliche Erkenntnis und Fakten erwartet, wird sich verständnislos fragen, was der alte Mann da vorne eigentlich soll. Aber wem das Märchen und das Bilderreich unserer Natur gefällt, der wird sich gefangennehmen lassen. Die einmaligen Aufnahmen von Leben und Natur sind ohne weiteres den Gang zur Kinokasse wert.

Im gleichen Geiste wie der Film ist auch das gleichnamige Buch verfasst. Erwarten Sie nicht, dort die Sachinformationen zu finden, die der Film nicht bietet. Das Buch beeindruckt mit Fotos, umrahmt von einem eher lyrischen Text, in dem die Autoren viel über ihre Motive und Gedanken erzählen, warum sie welche Aufnahmen wie gemacht haben und was sie damit ausdrücken wollten. Ein ganzes Kapitel ist der "Genese des Films" gewidmet. Wen schon der Film fasziniert hat oder wer die Aufnahmen gerne bei sich im Bücherschrank hätte, der wird in dem Buch eine lohnende Ergänzung finden.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 10/2004

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