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Knochen, Muskeln und Gelenke

Ein Orthopäde beschreibt die häufigsten Erkrankungen unseres Stütz- und Bewegungsapparats – und was wir tun können, um fit zu bleiben.

Jede(r) weiß, dass ein Auto etwas Pflege benötigt, wenn es lange halten soll. Wer ständig den falschen Kraftstoff tankt, permanent die erlaubte Zuladung überschreitet, keine Reifen wechselt, den Ölstand nicht prüft und nie die Werkstatt aufsucht, darf sich nicht wundern, wenn das Fahrzeug irgendwann liegen bleibt. Ein so vernachlässigter Wagen wird sicher nicht 60 oder 70 Jahre lang störungsfrei funktionieren.

Seltsamerweise erwarten viele das aber von ihrem Körper. Sie ernähren sich unvernünftig, trinken und rauchen, tun nichts gegen Übergewicht, bewegen sich kaum, gehen bei gesundheitlichen Problemen viel zu spät zum Arzt – und vertrauen dennoch darauf, dass ihr Organismus bis ins hohe Alter durchhalten werde. Natürlich unterscheiden sich Mensch und Maschine; unser Körper kann sich, anders als das Auto, bis zu einem gewissen Grad regenerieren. Doch sein Erneuerungsvermögen ist nicht unbegrenzt. Überschreiten die Gesundheitsschäden ein bestimmtes Maß, werden sie unumkehrbar.

Das gilt insbesondere für den Bewegungsapparat, wie der Mediziner Hanno Steckel in diesem Buch aufzeigt. Steckel ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und führt als Knie-Spezialist jährlich mehr als 500 Operationen durch. In seinem Werk beschreibt er das Zusammenwirken unserer rund 100 Gelenke, 200 Knochen und 600 Muskeln. Vor allem aber schildert er, wann dieses Wechselspiel nicht mehr so rundläuft wie gewohnt. Er geht auf die häufigsten Erkrankungen des Stütz- und Bewegungssystems ein und legt dar, wie sie medizinisch behandelt werden.

Fleisch und Alkohol: Nicht die gesündeste Kombination

Der Autor weiß Überraschendes zu berichten. Wussten Sie, dass Gicht keineswegs nur bei älteren Menschen vorkommt, sondern auch agile unter 30-Jährige trifft? Die Kombination von Sport, Alkohol und Fleischkonsum kann den Harnsäurespiegel im Blut so weit nach oben treiben, dass selbst Jüngere einen Gichtanfall erleiden. Und der dicke Brustmuskel, des Bodybuilders größter Stolz, bereitet massive Probleme, wenn er auf Grund falschen Trainings den Oberarmkopf zu weit nach vorn und oben zieht. Dann werden beim Abspreizen des Arms die Sehnen eingeklemmt, was äußerst schmerzhaft ist.

Von Patienten, die unvernünftig trainiert haben und jetzt ein Fall für den Orthopäden sind, erzählt Steckel mehrfach. Da war beispielsweise der 35-Jährige, der extremen Kraftsport praktizierte und sich dabei den Knorpel des Oberarmkopfs und der Schulterpfanne komplett abscheuerte. »Knorpelglatze« nennen die Mediziner das, und es bedeutet, dass im Gelenk nun Knochen auf Knochen reibt. In solchen Fällen helfe nur noch ein künstliches Gelenk, schreibt der Autor, denn Knorpel wachse nicht nach.

Das andere Extrem, nämlich gar keinen Sport zu treiben, ist freilich auch nicht gesund. Es führt dazu, dass Muskeln schwinden und sich verkürzen, und es schwächt die Sehnen und Knochen. Der erschlaffte Stütz- und Bewegungsapparat stabilisiert den Leib nicht mehr so gut, das Körpergewicht drückt stärker auf Wirbel, Bandscheiben und Gelenke. Dadurch kommt es zu Fehlhaltungen, einseitigem und übermäßigem Gelenkverschleiß, Bandscheibenvorfällen und Nervenproblemen. Besonders fatal ist die Kombination aus Bewegungsmangel und Übergewicht.

Zahlreiche Gebrechen

Steckel beschreibt ein breites Spektrum orthopädischer Probleme, von Arthrose über Rheuma bis Tennisarm, von Achillessehnenriss über Fersensporn bis Senkfuß, von AC-Gelenksprengung über Kalkschulter bis Osteoporose. Die jeweiligen Behandlungsmethoden stellt er immer mit vor. Auch auf die Symptome des »Aging Male«, Hormonersatztherapien für Männer, Gehirnerschütterungen und Sex mit künstlichen Gelenken geht der Mediziner ein. Obwohl er das knapp, verständlich und anhand von Patientengeschichten tut, erschlägt die große Themenfülle ein wenig. Über weite Strecken ähnelt das Buch einem Nachschlagewerk.

Immer wieder betont der Orthopäde, wie wichtig es ist, mit gesundheitlichen Problemen rechtzeitig zum Arzt zu gehen und nicht erst, wenn es zu spät ist. Und noch ein Fazit gibt er seinen Leser(inne)n mit: Vorbeugen ist die moderne Medizin. Dazu gehören sowohl angemessener Sport als auch eine gesundheitsfördernde Ernährung. Steckel empfiehlt ein Training mit drei Komponenten: Herz-Kreislauf, Kraft und Beweglichkeit. Hierfür schlägt er verschiedene Übungen vor, die man zu Hause, ohne Geräte und mit überschaubarem Zeitaufwand machen kann. Zudem verweist er auf die Klassiker Laufen, Radfahren, Schwimmen, Rudern, Skilanglauf und Nordic Walking. Ein detaillierter Fitnessratgeber kann und will das Buch aber nicht sein. Auch Steckels Ernährungstipps sind eher allgemein gehalten. Für jene, die sich näher interessieren, hat der Mediziner einige Weblinks, Literatur- und Filmverweise zusammengestellt.

»Genial beweglich« schafft ein Bewusstsein dafür, wie großartig unser Bewegungsapparat ist, und regt dazu an, ihn bis ins hohe Alter zu erhalten. Das Buch erfordert kein besonderes medizinisches Vorwissen und eignet sich daher auch für Laien. Die Zeichnungen der Illustratorin Katrin Fiederling tragen zur Verständlichkeit bei und lockern den Text auf, wenngleich das Werk noch deutlich gewinnen würde, enthielte es hier und da eine aufschlussreiche Infografik. Was dem Band wirklich fehlt, ist ein Stichwortverzeichnis, denn ohne dieses fällt es mitunter schwer, Textabschnitte wiederzufinden.

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