Direkt zum Inhalt

»Geogeschichte«: Eine geografische Welt- und Zeitreise

Vom Homo erectus bis ins Anthropozän – aus der Perspektive der Geografie erzählt Christian Grataloup umfassend und detailliert die Geschichte des Menschen.

Das muss man sich erst einmal trauen: eine Erzählung irgendwo in Afrika vor etwa zwei Millionen Jahren beim Homo erectus beginnen zu lassen, zügig zum Auftreten des Homo sapiens vor 200 000 Jahren voranzuschreiten und dann – Feuer, Nadel und Haus sind inzwischen erfunden – dessen Geschichte bis zum sich abzeichnenden Ende des fossilen Zeitalters zu erzählen. Dazwischen liegen die Verbreitung des Menschen über die Erde, die Domestizierung von Tieren und Pflanzen, Aufstieg und Niedergang von Zivilisationen und die moderne Globalisierung – und alles andere, was die Geschichte des Menschen ausmacht. Auf insgesamt knapp 390 Seiten.

Das Bemerkenswerte ist: Dem emeritierten Professor für historische Geografie Christian Grataloup gelingt die Erzählung ausgesprochen gut. Denn seine »Geogeschichte« lässt nichts an Detailtiefe vermissen und ist auch keineswegs bloß eine chronologische Aneinanderreihung von Fakten. Vielmehr betrachtet Grataloup die Geschichte des Menschen durch die Brille des Geografen und beleuchtet, welchen Einfluss der Naturraum – Berge, Klimazonen, trennende Gewässer, steigende und sinkende Meeresspiegel – auf dessen kulturelle Entfaltung hatte.

Zwischen Vogelperspektive und Nahaufnahme

So umfassend Grataloups »Geogeschichte« ist, so anspruchsvoll ist die Lektüre mitunter. Wechselt der Blick doch von der Vogelperspektive, wenn etwa Handelsrouten entlang der vorgegebenen Topografie nachgezeichnet werden, zu hochauflösenden Betrachtungen, wenn zum Beispiel vom dritten Ming-Kaiser Yongle geförderte Seereisen beschrieben werden. Zu Yongle erfahren wir dann auch, dass er seinen Neffen Jianwen vom Thron gestoßen hatte, das Reisegeschehen bei seinem Nachfolger Hongxi dann ruhte, aber von dessen Nachfolger Xuande wieder aufgenommen wurde, und zwar unter der Führung von Admiral Zheng He, der seinerseits kein Han-Chinese war, sondern muslimischer Eunuch und Enkel des Verwalters von Yunnan. Wie war das nochmal? Passagen wie diese sollte man vielleicht ein zweites Mal lesen oder sich gleich Notizen machen.

Mit dem Finger auf der Karte durch die Weltgeschichte

Solche Sprünge in der Perspektive tun der Freude an diesem Buch aber keinen Abbruch – sie sind eine Bereicherung, auch wenn »Geogeschichte« sicher keine leichte Bettlektüre ist. Zum Glück für den Leser werden die detailreichen Passagen meist durch farbige Karten im Mittelteil des Buchs ergänzt; im genannten Beispiel kann man hier die Reisen Admiral Zheng Hes durch das Ost- und Südchinesische Meer sowie den Indischen Ozean bis ins Rote Meer kartografisch nachvollziehen.

Anschaulich vermitteln Grafiken und Karten beispielsweise auch die Verbreitung des Homo sapiens über die Erde, Passagen und Hindernisse, denen er begegnete, Informationen zu Ursprung, Domestizierung und Verbreitung von Pflanzen und Tieren, zu Sprachen und Sprachfamilien sowie zur Verbreitung der Religionen bis hin zu aktuellen Hotspots der Umweltverschmutzung.

Grataloup gliedert diesen umfassenden Blick auf die Geschichte des Menschen in acht Kapitel. Sie unterteilen die Geogeschichte sinnvoll in einzelne Teilaspekte, etwa »Verbreitung und Zerstreuung des Menschen über die Erde«, »Die Geburt der globalen Welt« oder »Andere Geschichten«. Hier werden interessante Gedankenexperimente durchgespielt: Was wäre gewesen, wenn nicht Europa Amerika besiedelt hätte, sondern umgekehrt Amerika Europa? Was wäre anders gelaufen, wenn nur in Eurasien vorkommende Wildtiere auch in Amerika heimisch gewesen und dort domestiziert worden wären? Auch diesen kontrafaktischen Überlegungen zu folgen, ist ausgesprochen spannend.

Insgesamt kann man »Geogeschichte« sehr empfehlen. In einer möglichen zweiten Auflage würde ein Glossar die Lesbarkeit noch verbessern.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Das Geschlecht ist kein Zufall

In dieser »Woche« zeigen wir, warum Geschlecht in der Natur weit mehr ist, als ein Zufallsspiel, und wie Umwelt, Hormone und Verhalten die Entwicklung prägen. Außerdem blicken wir auf die Physik der Muschelseide, das allererste Erbmolekül und neue Ansätze gegen Datenlücken im Klimawandel.

Spektrum - Die Woche – Der Mönch, der unsere Zeitrechnung erfand

Was hat unsere Zeitrechnung mit einem Mönch aus dem Jahr 525 zu tun? In der aktuellen »Woche« erfahren Sie, warum wir heute das Jahr 2025 schreiben – und wie Ostern damit zusammenhängt. Außerdem: Wie gefährlich das Chikungunya-Virus ist und was Vitamin-Infusionen wirklich bringen.

Gehirn&Geist – Neurodiversität: Eine neue Sicht auf die Vielfalt unseres Denkens

Mit dem Begriff Neurodiversität beschreibt die Wissenschaft die natürliche Vielfalt unseres Denkens – und eröffnet neue Perspektiven auf Autismus, ADHS & Co. Aber warum ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Diagnosen so deutlich gestiegen? Unsere Titelgeschichten gehen dieser Frage nach und beleuchten medizinische Ursachen ebenso wie gesellschaftliche Einflüsse und geschlechterspezifische Unterschiede. Erfahren Sie zudem im Interview mit Molekularbiologe Prof. Thomas Bourgeron, welche Rolle genetische Faktoren bei der Ausprägung und Diagnostik neurodiverser Eigenschaften spielen. Auch soziale Ungleichheit steht im Fokus dieser Ausgabe, denn neue Studien zeigen, wie sie politische Einstellungen beeinflusst und was Menschen dazu bringt, autoritäre Persönlichkeiten zu wählen. Daneben erklärt Maren Urner im Interview, was die ständige digitale Reizflut mit unserem Gehirn macht – und weshalb Langeweile gut für die mentale Gesundheit ist. Zudem berichten wir, warum Antidepressiva oft nicht wirken und welcher Weg zu einer maßgeschneiderten Therapie führen kann.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.