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Von Versagen bis Vorsatz

Zwei Journalisten präsentieren Medizin- und Pharmaskandale der zurückliegenden 100 Jahre.

Wenn das Leid kranker Menschen ausgerechnet von solchen Personen verschlimmert wird, die Linderung und Heilung versprechen, ist das schrecklich. Häufig geschieht so etwas aus Unachtsamkeit, mitunter aber sogar aus Absicht. Die Medizinjournalisten Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt versuchen in ihrem Buch dieses dunkle Thema aus unterschiedlichen Perspektiven auszuleuchten. Hierzu befassen sie sich mit diversen Medizin- und Pharmaskandalen der zurückliegenden 100 Jahre.

Der erste Vorfall, auf den sie eingehen, ereignete sich im Jahr 1930 – kurz nachdem die Tuberkuloseimpfung für Neugeborene eingeführt worden war. Beim Zubereiten des Impfstoffs in einem Lübecker Labor hatten die Zuständigen die notwendigen strengen Hygienevorschriften missachtet und die Vakzine mit aktiven Erregern verunreinigt. Infolgedessen starben 77 Säuglinge an der Lungenkrankheit. Ein gutes Jahr später wurden die beiden hauptverantwortlichen Mediziner in Anwesenheit vieler betroffener Eltern zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Als Beruhigungsmittel angepriesen

Weitere Kapitel widmen sich bekannten Medizinskandalen wie jenem um das Arzneimittel Contergan, das Ende der 1950er Jahre insbesondere Schwangeren als Beruhigungs- und Schlafmittel angepriesen wurde. Infolge der Einnahme dieses Mittels kamen tausende Kinder mit Fehlbildungen oder sogar als Totgeburten auf die Welt. Ebenso thematisieren die Autoren das systematische Doping von Sportlern in der ehemaligen DDR sowie die so genannten Todesengel, also Pflegerinnen und Pfleger, die in Krankenhäusern oder Altenheimen serienmäßig morden. Henke-Wendt und Roloff gehen auch auf Vorfälle ein, die bisher nur wenig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind, etwa auf illegale Arzneimittelversuche an Heimkindern.

Zum Schluss befassen sich die Autoren mit dem Fall eines Bottroper Apothekers, der im Jahr 2018 Schlagzeilen machte. Der Mann hatte jahrelang unterdosierte Krebsmedikamente zusammengemischt, deren teure Wirkstoffe aber in voller Höhe den Krankenkassen angerechnet. Damit hatte er Millionengewinne erzielt, mit denen er ein Luxusleben finanzierte – auf Kosten der Überlebenschancen zahlloser Patienten. Der Gerichtsprozess gegen ihn endete mit einer Verurteilung zu zwölf Jahren Gefängnis.

Zu all diesen Skandalen haben Henke-Wendt und Roloff umfassend recherchiert. In vielen Fällen listen sie mit Hilfe von Chroniken auf, wer von den Beteiligten zu welchem Zeitpunkt über welche Informationen verfügte und wie er sich verhielt. Literaturverweise am Ende jedes Kapitels laden dazu ein, sich noch tiefer mit der Materie zu befassen. Angesichts des äußerst unschönen Themas gelingt es den Autoren sehr gut, durchgehend sachlich zu bleiben. Hierin – und in der Faktenfülle – liegt die wohl größte Stärke ihres Werks. Das Buch gewährt einen Einblick in das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Medizinern, zuständigen Behörden und Politikern, Medien, betroffenen Patienten und Justiz. Es wirft ein Schlaglicht darauf, wie es zu den beschriebenen Skandalen kam, auf welche Weise sie aufgeklärt wurden und wie die Betroffenen damit umgingen beziehungsweise umgehen.

Die Autoren beschränken sich auf Geschehnisse in Deutschland, deren Aufarbeitung weitgehend abgeschlossen ist. Die während der NS-Zeit durchgeführten Menschenversuche sparen sie bewusst aus, um nicht noch ganz andere Dimensionen des Grauens zu eröffnen. Einerseits ist das verständlich, damit das Buch nicht zu sehr ausufert. Andererseits wäre es aufschlussreich gewesen, die behandelten Fälle mit aktuellen Geschehnissen zu vergleichen, etwa mit belastenden Medikamententests in Indien.

In der knappen Einleitung des Buchs betonen Henke-Wendt und Roloff, ihr Ziel sei es, den Hintergrund von Medizinskandalen verständlich zu machen und dazu beizutragen, dass es künftig nicht mehr zu solchen Entgleisungen komme. Deshalb verwundert es ein wenig, dass sie darauf verzichten, die vielen behandelten Einzelfälle am Ende noch einmal in einen übergeordneten Rahmen zu stellen, ihre Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und die strukturellen Probleme zu benennen, die solche Geschehnisse begünstigen. Stattdessen überlassen sie es den Leserinnen und Lesern, ein Fazit daraus zu ziehen. Ein abschließendes Resümee hätte das Werk noch aufgewertet.

07/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07/2019

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