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Wohin mit der Kunst?

Viele Kunstwerke und Museumstücke wurden mit unlauteren Methoden erworben – ein Unrecht, dem sich die Politik, Forschung und Gesellschaft erst stellen.

Restitution – seit ein paar Jahren ist dieses Wort immer wieder in den Nachrichten und dem Feuilleton zu lesen. Bekannte mediale Beispiele in diesem Zusammenhang sind die Rückforderung der Büste der Nofretete, die Art und Weise, wie man die berüchtigten Benin-Bronzen ausstellt, oder die Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika und speziell der Umgang mit deren Gebeinen.

Fundiertes Hintergrundwissen benötigt

Dahinter verbirgt sich ein Konzept mit globaler politischer und kultureller Sprengkraft. Man könnte diesen komplexen Begriff herunterbrechen auf die Rückgabe von geraubten oder unrechtmäßig erworbenen Kunstgegenständen außerhalb von eventuellen juristischen Ansprüchen. Doch um der Vielschichtigkeit des Begriffs und damit auch dem Ziel des Buchs »Geschichtskultur durch Restitution?« gerecht zu werden, ist es wichtig, einige Zusammenhänge zu kennen. Ohne dieses Hintergrundwissen bleibt der Inhalt in weiten Teilen unverständlich.

Die Basis bildet die europäische Kolonialzeit und damit verbunden das Sammelinteresse europäischer Völkerkundemuseen. Nicht selten wurden die Objekte mit Gewalt oder unlauteren Methoden erworben – ein Unrecht, dessen sich die Verantwortlichen aus Politik, Forschung und Gesellschaft erst allmählich bewusst werden. Unter Restitution versteht man weiterhin die Entschädigung von im Dritten Reich geraubten Kunstgegenständen – sei es durch Rückgabe oder Kompensation als Teil einer Wiedergutmachung. Im Zuge der historischen Unrechtsbewältigung wird dieser Begriff auch für die Kolonialzeit verwendet. Drei weitere Schlüsselereignisse fallen erst in die letzten Jahre: die politische Entscheidung zum Bau des Humboldt-Forums als neues deutsches Kunst- und Kulturzentrum mit ethnologischem Charakter, die Rede Emmanuel Macrons, in der er die Rückgabe – dauerhaft oder temporär – von afrikanischen Besitzgütern aus französischen Museen in Aussicht stellte, sowie ein Gutachten der Wissenschaftler Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, die in Macrons Auftrag untersuchten, wie eine solche Restitution ablaufen kann und sollte. So weit die Vorgeschichte.

Durch dieses politische Versprechen wurden gesellschaftliche Fragen aufgeworfen, wie mit dem Erbe des Kolonialismus und seinen Folgen für die Gesellschaften der ehemaligen Kolonialmächte sowie deren Kolonien im Allgemeinen umgegangen wird. Das Thema fällt in eine Zeit, wo es durch verschiedenste Aktivistengruppen zu einer Hinterfragung traditioneller gesellschaftlicher Sichtweisen unter einer globalen Betrachtungsweise kommt.

Als Reaktion haben die Historiker Thomas Sandkühler, Angelika Epple und Jürgen Zimmerer Werke von Autoren und Autorinnen gesammelt, die das Thema Restitution und die Darstellung von Kolonialzeit und kolonialer Kunst in Museen, unter anderem im Humboldt-Forum, thematisieren. Die wissenschaftlichen Aufsätze richten sich auch an grundsätzliche Fragen: welche Folgen etwa die Rückgabe hat oder welche Bedeutung Restitution für die Geschichtskultur und -wahrnehmung hat.

Die Autorinnen und Autoren widmen sich in ihren Texten unterschiedlichen Aspekten, von ihren eigenen Standpunkten aus, mit eigenen Zielen und Ansprüchen. Dabei sind internationale Spezialisten und Mitarbeiter des Humboldt-Forums, darunter Historiker, Geschichtsdidaktiker, Ethnologen, Museologen, aber auch Juristen vertreten.

Die Beiträge fügen sich dabei in vier Themenbereiche ein: In »Positionen« finden sich bisweilen extrem persönliche und emotionale Gegenthesen zu den Forderungen aus dem Bericht von Sarr und Savoy. Insbesondere Museumsfachleute berichten in »Fallstudien« über ihren Umgang mit Restitution. In »Deutschland postkolonial?« erklären die Autoren, welche kolonialen Themen in der heutigen Gesellschaft etabliert sind und welche Probleme sich daraus ergeben. »Rechtsgeschichte und Geschichtskultur« beschreibt sehr verständlich die rechtlichen Probleme und die Wandlung eines Geschichtsbilds.

So unterschiedlich, wie die Autoren sind, fallen auch ihre Aufsätze aus. Sie reichen von klaren Fallberichten (etwa einer ethnologischen Feldstudie mit einer detaillierten Beschreibung des Diebstahls einer Maske in den 1990ern in der Elfenbeinküste und deren Wiedererkennung in einer Privatsammlung) bis zu höchst philosophischen Überlegungen dazu, wie erlebte und gelernte Geschichte die aktuelle Wahrnehmung prägt, oder der juristischen Fallbeschreibung eines Steinkreuzes. Somit sind einige Texte sehr individuell-charaktervoll, andere wissenschaftlich-theoretisch. Ähnlich verhält es sich mit Verständlichkeit und erwartetem Vorwissen.

»Geschichtskultur durch Restitution?« ist kein leichter Lesestoff; vielmehr sind die Aufsätze fesselnd und langatmig zugleich, drei der Papers sind auf Englisch verfasst. Man sollte vor dem Lesen verschiedene Begriffe und die Vorgeschichte zu den angesprochenen Themen recherchieren, da diese Kenntnis vorausgesetzt wird.

Wer eine Konklusion oder Lösung erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen finden sich im Buch 23 einzelne Ansichten, die bisweilen auch zu gegensätzlichen Schlüssen kommen. Aus der Komplexität des Hintergrunds wird schnell klar, dass eine einfache und für alle zufrieden stellende Lösung quasi unmöglich ist. So emotional, wie manche Forderungen oder Meinungen vertreten sind, ist jeder Kompromiss faul und inakzeptabel – jeder Vorschlag erscheint zugleich richtig und falsch. Dennoch ist der Inhalt ergreifend, nimmt die Leserschaft mit und erzwingt, sich mit der eigenen Position zu befassen. Oft möchte man mit dem Verfasser diskutieren und lobend zustimmen oder empört widersprechen.

Auffällig ist, dass viele Texte gegendert sind, mit einer Verteilung von 10 Frauen und 13 Männern unter den Verfassern scheint auf eine ausgewogene Verteilung Wert gelegt worden zu sein. Ein Novum ist weiterhin, dass viele der Quellenangaben Tageszeitungen oder Online-Portale sind, wodurch die mediale Resonanz des Themas wie auch die Aktualität des Themas deutlich werden.

Zielgruppe des Werks ist nach eigenen Angaben die Gesellschaft und eine breite Öffentlichkeit. Der Versuch, die Hintergründe einem bislang unbeteiligten Publikum in Form einer Aufsatzsammlung nahezubringen, scheint jedoch nur bedingt gelungen. Er scheitert an der Komplexität und der Heterogenität vieler Aufsätze. So bleibt es eher eine Positionierung innerhalb der Wissenschafts- und Museumsgemeinde – schade!

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