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Narzissmus aus der Innenperspektive

Das etwas andere Handbuch für Narzissten und ihre Angehörigen.

»Narzisst« ist vielleicht die letzte salonfähige Beleidigung unserer Zeit. Denn Narzissten sind die Bösen, darauf können sich offenbar alle einigen. Umso erfrischender, dass sich der Psychiater Pablo Hagemeyer gleich als solcher vorstellt. In »Gestatten, ich bin ein Arschloch.« beschreibt er, was Narzissten umtreibt – und erklärt sich selbst zum Betroffenen.

In fünf Kapiteln behandelt Hagemeyer den Narzissmus im Berufsleben, im Privaten und in der Öffentlichkeit (bekanntestes Beispiel ist wohl US-Präsident Donald Trump, dem ein gehöriger Hang zum Größenwahn nachgesagt wird) und verdeutlicht den Unterschied zwischen Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal und der entsprechenden Persönlichkeitsstörung. Denn in jedem von uns steckt mehr oder weniger viel selbstbezogene Eitelkeit. Zum Problem wird diese erst dann, wenn man andere stets abwerten muss, um sich wichtig zu fühlen. Oder wenn der Selbstwert so fragil wird, dass er bei Misserfolg in sich zusammenbricht. So landen die meisten Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung überhaupt erst in Behandlung, wenn der Höhenflug mit einem jähen Absturz endet und die Betroffenen in ein tiefes Loch fallen. Auslöser können beispielsweise eine Trennung oder Entlassung sein.

Typische narzisstische Verstrickungen

Der Autor behandelt das Thema mit dem nötigen Ernst, lässt den Humor aber nicht außen vor. Dadurch ergibt sich ein für jedes Publikum leicht lesbares und unterhaltsames Buch. Hagemeyer bedient sich dabei dreier Erzählebenen: Da ist der prototypische Fall des fiktiven Paars Tom und Tina, an dem sich die typischen narzisstischen Verstrickungen zeigen lassen. Die beiden erdachten Charaktere lehnen sich in ihren Eigenschaften an diverse echte Patienten an, die der Psychiater im Lauf seiner therapeutischen Tätigkeit kennen gelernt hat. Die Geschichten von Tom und Tina werden regelmäßig von Zwiegesprächen beziehungsweise Auseinandersetzungen zwischen Hagemeyer und seiner Frau Carlota unterbrochen. Immer wieder befasst sich der Autor mit seinem eigenen Geltungsdrang, dessen Wurzeln und den Folgen für seine Ehe.

In kompakten Kästen vermittelt Hagemeyer wichtige zusätzliche Fachinformationen und konkrete Tipps zum Umgang mit Narzissten – etwa, wie man Suggestivfragen und Unterstellungen schlagfertig kontert, Spannungen geschickt anspricht und ab wann man sich mit einem Kontaktabbruch vor emotionalem Missbrauch schützen sollte. Dadurch eignet sich das Buch gut als Nachschlagewerk.

Der Band richtet sich jedoch nicht nur an die Opfer narzisstischer Menschen, sondern auch an solche, die entsprechende Charakterzüge an sich selbst wahrnehmen. Um dem auf den Grund zu gehen, gibt es einen kleinen Selbsttest. Nur: Wirklich Betroffene wird Hagemeyer kaum erreichen, denn ein Kernmerkmal der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist die mangelnde Einsicht, selbst so ein Mensch zu sein. Hagemeyer kokettiert mit der Rolle des Narzissten und ergeht sich in Selbstreflexionen, die mal besser und mal schlechter gelingen. Er erzählt grundsätzlich lebendig und amüsant, greift manchmal aber etwas zu tief in die Kitschkiste, etwa wenn seine Frau »ihr breites Julia-Roberts-Lächeln« lächelt.

Insgesamt glückt der etwas andere Blickwinkel auf das Thema jedoch. Und am Ende kann man dem Autor trotz seiner Arschloch-Qualitäten gar nicht so böse sein.

26/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26/2020

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