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Meerjungfrauen und Monsterwellen

Dieses Kompendium versucht überliefertes Seemannsgarn zu entwirren.

An Bord eines Segelschiffes gab es in den vergangenen Jahrhunderten immer etwas zu tun. Oft besserten die Seeleute beanspruchtes Material wie Leinen, Taue und Wanten mit Schiemannsgarn aus und erzählten sich dabei Geschichten. So entstand der Ausdruck "Seemannsgarn spinnen". Das ist nicht nur eine der ersten Informationen, die Olaf Fritsche in seinem Buch mitteilt; es ist auch die inhaltliche Klammer der folgenden rund 300 Seiten mit Anekdoten, Spekulationen, historischen Fakten und harter Wissenschaft.

Sehr ausführlich behandelt der Autor die bekanntesten Mythen der Meere: Geisterschiffe, Meeresungeheuer, Meerjungfrauen und Monsterwellen nehmen ganze Kapitel ein. Kleinere Themen wie Globster, Geisterinseln oder Magnetberge komplettieren die Sammlung. Dabei geht der Biologe und Wissenschaftsjournalist immer auf die gleiche Weise zu Werke: Er stellt den Mythos vor, sucht nach Indizien, wie dieser entstanden sein könnte, und präsentiert, was heute an Tatsachen bekannt ist.

Unterhaltsame Anekdoten

Nicht alle Kapitel sind spannend oder erhellend. Dass Geisterschiffe (solche ohne Besatzung) möglicherweise damit zu erklären sind, dass die Crew an einer Seuche starb oder das Schiff sich losriss, während die Mannschaft an Land war, oder Piraten das Boot plünderten und die Menschen darauf töteten oder verschleppten: Dies fällt den Lesern nach einigem Spekulieren vermutlich auch selbst ein. Ebenso wenig erstaunt es, wenn der Autor keine Beweise für die Existenz von Meerjungfrauen finden kann.

Andererseits liefert Fritsche immer wieder kleine Randgeschichten, die das Werk lesenswert machen. Hätten Sie gewusst, dass eine gut präparierte Chimäre aus Fisch und Affe einmal halb New York dazu brachte, an die Existenz einer "Feejee-Meerjungfrau" zu glauben? Die "Bastelanleitung" liegt dem Buch bei. Diese vielen kleinen Anekdoten steigern den Unterhaltungswert des Buchs, auch wenn sie eher wenig zum eigentlichen Thema, der Aufklärung von Meeres-Mythen, beitragen.

Dem Titel seines Buchs wird Fritsche gerecht, wenn er beispielsweise anhand von Meeresströmungen den schlechten Ruf des Bermudadreiecks erklärt und den damit verbundenen Mythos widerlegt. Oder wenn er beschreibt, wie unwiderlegbare Beweise die Wissenschaft dazu zwangen, sich ernsthaft mit Monsterwellen zu beschäftigen, die lange Zeit als physikalisch unmöglich gegolten hatten.

Alles in allem liegt mit "Gibt es Geisterschiffe wirklich?" ein ziemlich umfassendes Kompendium vor, das gründlich recherchiert die Ursprünge und möglichen Hintergründe vieler Rätsel des Meeres aufdeckt. Wen die Kuriositäten selbst noch nicht zum Schmunzeln bringen, für den streut der Autor die ein oder andere Prise Humor ein. Am stärksten ist Fritsche, wenn er wissenschaftliche Erklärungen liefern kann. Zäh wird es manchmal, wenn auch er am Ende seiner Recherchen nicht über Spekulationen hinauskommt.

Wer die manchmal ausschweifende Lektüre abkürzen möchte und nur nackte Antworten sucht, findet am Ende eines jeden Kapitels eine Zusammenfassung von wenigen Sätzen und hat das Buch nach zehn Minuten durch. Das wäre allerdings schade, denn dann entgehen einem Wale, die senkrecht im Meer tanzen, 15 Meter lange Fische, die in Hungerzeiten Teile ihres Körpers abwerfen, oder der Untergang eines Landes, das viele Parallelen mit Atlantis aufweist und doch nichts damit zu tun hat.

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