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Mit oder ohne Gestalt?

Hat Gott einen Körper? Diese Frage wurde lange Zeit kontrovers diskutiert und hat im Lauf der Geschichte zu teils hitzigen Debatten geführt. Für bekennende Atheisten wie den Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) und den Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856-1939) war der Fall klar: Nur naivste Geister können ernsthaft glauben, dass der Allmächtige anthropomorph, also von Menschengestalt sei. Doch war diese Haltung längst nicht immer verbreitet. Gerade in der Antike, in der man noch an zahlreiche Götter gleichzeitig glaubte und diverse religiöse Vorstellungen nebeneinander existierten, galten körperliche Manifestationen des Überirdischen weithin als plausibel.

Der an der Humboldt-Universität zu Berlin tätige Kirchenhistoriker Christoph Markschies zeichnet in seinem neuen Buch antike christliche, jüdische und "heidnische" Gottesvorstellungen nach. Mit den Quellen ebenso vertraut wie mit der akademischen Diskussion, verbindet der Autor historische, philosophische und theologische Betrachtungen und nähert sich dem Untersuchungsgegenstand auf höchst anregende Weise.

Von allväterlicher Physis

Zu Zeiten des Imperium Romanum wurden Fragen um die Körperlichkeit Gottes in Metropolen wie Rom, Alexandria und Antiochia heftig diskutiert. Zahlreiche antike Gelehrte – heidnische, jüdische und christliche – mochten Gott einen Körper nicht absprechen. Was keinen Körper hat, existiert nicht; also muss Gott einen Körper besitzen, argumentierte etwa der Kirchenvater Tertullian (um 150-220). Besonders heftigen Widerstand gegen die Idee eines körperlosen Weltenlenkers leistete die jüdische Mystik, der Markschies ein ausführliches Kapitel widmet. Die unter der Bezeichnung "Hechalot" bekannten, spätantiken jüdischen Texte widmen sich ausführlich den ins Unermessliche gesteigerten Körperdimensionen Gottes.

Freilich gab es eine antimaterialistische Fraktion, die dagegen mobil machte. Der Kirchenvater Origenes von Alexandria (185-253), der als der erste christliche Theologe gilt, hielt solche Gottesvorstellungen für blanken Unsinn und ihre Entstehung für ein Produkt "dichterischer Erfindung". Damit bewegte sich der Kirchenmann ganz in den abstrakten Vorstellungen Platons (428-348 v. Chr.). Für diesen griechischen Philosophen, der zwischen materiellen Realitäten und höheren geistigen Realitäten unterschied, waren letztere jenseits des Seins verortet – besaßen also keine Gestalt.

Platons Lehre von der Unkörperlichkeit Gottes fand Eingang in die monotheistischen Religionen. Spätestens seit dem Mittelalter stimmten Christen- und Judentum in der Ansicht überein, dass Gott weder die Stimme noch die Gestalt eines Menschen hat. Der jüdische Universalgelehrte Maimonides vertrat im 12. Jahrhundert die Auffassung, die Bibel müsse metaphorisch gelesen werden. Demnach solle man die im Alten Testament beschriebenen körperlichen Offenbarungen Gottes, die Hinweise auf Augen, Hände, Arme, Füße, Herz und andere Körperteile des Allmächtigen als Anthropomorphismen sehen, die den unbegrenzten Gott mit begrenzten menschlichen Ausdrücken beschreiben, damit Menschen ihn besser begreifen könnten. Eine Denkrichtung, die rund ein Jahrhundert später der Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274) im Christentum fortführte.

Den Leib bekämpfen, um gottähnlicher zu werden

Markschies’ Buch gewährt umfangreich recherchierte Einsichten vor allem in die antike und spätantike Zeit, als noch nicht entschieden war, welche Gottesauffassung sich durchsetzen würde. Das glänzend geschriebene Werk liefert einen wichtigen Beitrag zu einschlägigen Diskussionen und zeigt dabei interessante Verbindungen auf. So hat laut Markschies die Vorstellung von einem gestaltlosen Gott zu jener extremen Form des Asketentums geführt, die im 3. und 4. Jahrhundert aufkam. Die Körperfeindlichkeit, die damals einige Mönchskolonien mittels Nahrungsentzug oder Geißelung praktizierten, interpretiert der Autor als Versuch, körperliche Bedürfnisse abzutöten, um gottgleich zu werden.

"Gottes Körper" besticht durch analytischen Sachverstand. Eine inhaltliche Parteinahme lässt der Autor nicht erkennen. Allerdings gibt er eine Art Anleitung, wie mit der hochkomplexen Thematik umzugehen sei. Ihm zufolge ist es einfacher, Geist und Materie, Seele und Körper nicht als Gegensätze zu begreifen, sondern als Aspekte eines zusammengehörenden Ganzen. Weit vom Spott des Biologen Ernst Haeckel entfernt, der in seinen "Welträtseln" (1899) Gott als "gasförmiges Wirbeltier" verballhornte, legt Markschies eine seriöse und beeindruckende Studie vor, die den langen Weg der "Entmaterialisierung des Allmächtigen" anschaulich vor Augen führt.

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