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Leben auf dem Pulverfass

Ein gelungener Ratgeber für Menschen mit Borderline, deren Angehörige und Fachleute.

Kaum jemand kann von sich behaupten, emotional immer vollkommen ausgeglichen zu sein. Menschen sind mitunter besonders reizbar oder dünnhäutig, kriegen eine Bemerkung in den »falschen Hals«, möchten sich am liebsten unter die Bettdecke verkriechen oder sagen unüberlegte Dinge, die sie hinterher bereuen.

Während solche Empfindungen für die meisten jedoch eher die Ausnahme sind, gehören sie bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zum Alltag. Den Betroffenen fehlt eine schützende »emotionale Haut«, wie die US-amerikanische Psychologin Marsha Linehan schreibt. Der Schutzmechanismus hält normalerweise ausufernde Affekte im Zaum, indem er Personen beispielsweise erkennen lässt, dass sie zwar momentan wütend sind, sich dieser Zustand aber erfahrungsgemäß wieder ändern wird – und dass es in Ordnung ist, viele und teils gegensätzliche Gefühle zu haben.

Ein Gefühl nicht zu sein, sondern es zu haben

Die Psychologen und Psychotherapeuten Martine Hoffmann und Gilles Michaux widmen sich in ihrem Ratgeber diesem vielschichtigen Störungsbild. Emotionale Instabilität führe häufig zu Problemen und werde oft missverstanden, falsch diagnostiziert und fehltherapiert. Dies möchten die Autoren mit ihrem Buch ändern. Der Band soll Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, deren Angehörigen und Fachleuten ein besseres Verständnis der Erkrankung vermitteln.

Das gelingt auch, unter anderem mit Hilfe vieler Beispiele, Vergleiche und Erfahrungsberichte. Bei den Diagnosekriterien verdeutlichen etwa Zitate von Betroffenen, wie diese ein Symptom erleben und was es für das Umfeld bedeutet. Das hilft ungemein dabei, die Gefühle und Ansichten der Patienten nachzuvollziehen und zu verstehen, warum sie sich beispielsweise manchmal innerlich leer fühlen, dann aber wieder zu unkontrollierbaren Ausbrüchen von Wut oder Gewalt neigen.

Zwischen dem Denken und dem Tun liegt den Autoren zufolge Raum für Entscheidungen: Selbst wenn die Emotionen überkochen, könne man sein Verhalten steuern. Die Betroffenen sollen sich dazu klarmachen, dass sie nicht ihre Gefühle sind, sondern Gefühle haben. Und dass ihre Gedanken nicht die Wirklichkeit darstellen, sondern lediglich Annahmen über die Realität sind, die sich mitunter als falsch entpuppen.

Auf nicht einmal 200 Seiten geben Hoffmann und Michaux tiefe Einblicke in eine häufig missverstandene Erkrankung, räumen mit gängigen Mythen auf und geben Anregungen, wie man überschießende Emotionen in den Griff bekommen kann – etwa mit Entspannungstechniken. Ebenso vermitteln die Autoren wichtige Grundlagen der Emotions-, Stress- und Bindungsforschung, gehen auf die Beziehungsprobleme der Patienten und mögliche Ursachen der Störung ein und scheuen nicht vor schwierigen Themen wie der Selbstverletzung zurück. Zudem stellt das Werk die wirksamsten Therapieverfahren vor und präsentiert verschiedene Übungen für Betroffene sowie Ratschläge für Angehörige – etwa den, frühzeitig Grenzen zu setzen und nicht erst dann, wenn die Kräfte erschöpft sind.

Letztlich machen die beiden Psychotherapeuten Mut, ohne die Störung zu beschönigen oder zu verharmlosen. Das Leben mit Borderline sei sicherlich nicht einfach, schreiben sie, aber es ließen sich »begehbare Wege« finden. Mit ihrem Buch wollen sie möglichst viele davon aufzeigen.

4/2019 (Juli/August)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 4/2019 (Juli/August)

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