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Nachhaltiges Zusammenleben

Zwei Wildtierbiologen stellen wissenschaftliche Grundlagen bereit, um das Zusammenleben mit Wölfen nachhaltig zu gestalten.

Die Rückkehr des Wolfs nach Mitteleuropa polarisiert: Die einen idealisieren das Raubtier und lehnen jegliche Wolfstötung ab, die anderen fürchten um ihre Weidetiere und sähen am liebsten alle Wölfe ausgerottet. In der politischen Debatte stoßen verschiedene Interessen aufeinander, und oft ist der Diskurs eher von Emotionen geprägt als von Fakten. Der polnische Wolfsexperte Prof. Henryk Okarma und der deutsche Wildtierbiologe Prof. Sven Herzog wollen mit diesem Werk eine wissenschaftliche Basis für effektives »Wolfsmanagement« liefern. Sie richten sich damit an Wissenschaftler, Naturschützer, Landwirte, Förster, Jäger, Politiker und überhaupt alle, die sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzen möchten.

Der Band ist hochwertig gestaltet mit zahlreichen Grafiken und Karten sowie eindrucksvollen Fotos. Viele davon stammen von dem mehrfach ausgezeichneten Naturfotografen Cezary Korkosz. Das Werk basiert auf einer Monografie, die Henryk Okarma 2014 auf Polnisch veröffentlicht hat. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text nicht nur übersetzt, sondern auch an deutsche Verhältnisse angepasst und aktualisiert.

Schwieriger Herdenschutz

Die ersten Kapitel vermitteln Grundlagenwissen über Wölfe. Es geht um Artentwicklung, Verbreitungsgebiet und Lebensraum, Morphologie und Anatomie sowie Verhalten und Ökologie. Dabei ähnelt das Werk streckenweise einem Lehrbuch: Begriffe werden genau definiert, Feinheiten ausführlich erläutert und wissenschaftliche Erkenntnisse anhand von Studien belegt. Da wichtige Informationen in mehreren Kapiteln wiederholt werden, ist es problemlos möglich, nur einzelne Abschnitte zu lesen oder das Buch als Nachschlagewerk zu nutzen.

Wer sich insbesondere für Wolfsmanagement interessiert, kann direkt bei diesem Kapitel einsteigen. Hier benennen die Autoren verschiedene Konflikte, die dazu führen, dass die Ansiedlung von Wölfen nicht immer auf Begeisterung stößt. In der Weidetierhaltung etwa verursachen Wolfsrisse ökonomische Schäden in Millionenhöhe. Als Gegenmaßnahme sind die Halter(innen) zu einem immer aufwändigeren Herdenschutz angehalten, insbesondere in Form von Zäunen. Ohne diese bekommen die Halter keine Kompensationszahlungen, falls Tiere gerissen werden. Allerdings sind Zäune, ebenso wie andere Schutzvorkehrungen, sehr kostspielig und erzielen oft nicht den gewünschten Nutzen. Im Gegenteil, schwer überwindbare Einfriedungen können den Schaden sogar vergrößern: Wenn es dann doch einmal einem Wolf gelingt, in den umgrenzten Bereich einzudringen, haben die Weidetiere keine Möglichkeit zu entkommen – und werden oft massenweise getötet. In der Natur sind solche Massentötungen für Wölfe untypisch. Üblicherweise erlegen sie ein einzelnes Tier, das sie beinah restlos verzehren, während der Rest der Herde flieht.

Die Probleme hinsichtlich der Weidetierhaltung senken gerade bei der Landbevölkerung die Akzeptanz gegenüber dem großen Raubtier. Auch Jäger müssen in Revieren, in denen Wölfe leben, mit finanziellen Einbußen rechnen. Zudem besteht die Gefahr, dass die in Deutschland eigentlich ausgerottete Tollwut durch Wölfe, die aus Osteuropa einwandern, wieder eingeschleppt wird. Und nicht zuletzt sind Wolfsattacken auf Menschen zwar äußerst unwahrscheinlich, aber nicht vollständig auszuschließen.

Okarma und Herzog betonen: Der Schutz des Wolfs steht und fällt mit seiner Akzeptanz in der Bevölkerung. Und diese werde eher erschwert, wenn Wölfe idealisiert und existierende Probleme geleugnet werden. Stattdessen müssten wirksame Managementpläne her, die an die jeweiligen regionalen Gegebenheiten angepasst sind und die Interessen aller Betroffenen berücksichtigen. Die von manchen Naturschützern favorisierte Variante, grundsätzlich keine Wölfe zu töten, gefährde die Wiederansiedlung letztlich, zumal ein vollkommenes Tötungsverbot beinah zwangsläufig illegale und damit unkontrollierte Tötungen nach sich zieht.

Eine zentrale Aufgabe des Wolfsmanagements ist aus Sicht der Autoren, die Akzeptanz der Wölfe herzustellen und zu erhalten. Dazu stellen sie verschiedene Maßnahmen vor und erläutern jeweils deren Vor- und Nachteile. Neben Herdenschutz durch Zäune und Hunde erwähnen sie die Möglichkeit, Wölfe abzuschrecken, etwa durch Geräusche, Gerüche und optische Signale oder durch Schmerzerfahrungen, etwa mittels Elektrozäunen oder Gummigeschossen. Auch das Töten von Wölfen kann aus wissenschaftlicher Sicht zum Artenschutz beitragen, indem es Probleme mit aufdringlichen Einzeltieren abstellt und so die öffentliche Akzeptanz steigert. In vielen Gebieten könnte eine reguläre, nachhaltige Bejagung dazu beitragen, die natürliche Scheu des Wolfs vor dem Menschen aufrechtzuerhalten und so Nutztierrissen vorbeugen.

Bei allen vorgestellten Maßnahmen beziehen sich die Autoren auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die sie wertungsfrei wiedergeben. Eindeutige Ratschläge erteilen sie jedoch nicht, denn die konkrete Ausgestaltung von Wolfsmanagementplänen ist aus ihrer Sicht Aufgabe der Politik. Mit ihrem Werk liefern sie eine solide Basis für wissenschaftlich fundierte Entscheidungen und ermöglichen, die teils emotional geführten Diskussionen zu versachlichen.

08/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08/2020

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