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Die Bullshit-Ampel

Der emeritierte Professor Edzard Ernst nimmt in seinem neuen Buch verschiedene Methoden der Alternativmedizin unter die Lupe.

Der in Wiesbaden geborene Arzt Edzard Ernst ist emeritierter Professor an der University of Exeter in Großbritannien und eine Koryphäe der wissenschaftlichen Erforschung von Alternativmedizin. Sein neues Buch, so schreibt er, richtet sich an all jene, die nach den Fakten über alternative medizinische Verfahren suchen, Vertrauen in die Wissenschaft haben und eine kritische Bewertung der »kommerziellen Propaganda« vorziehen.

Evidenzbasierter Kompass

So einen evidenzbasierten Kompass braucht es, bestimmen bei diesem Thema doch weitgehend Anekdoten und vollmundige Versprechungen der Anbieter das Meinungsbild. In elf Kapiteln nimmt der Professor die beliebtesten Verfahren der Alternativmedizin unter die Lupe. Zuerst widmet er sich zwielichtigen Methoden zur Krankheitserkennung wie Irisdiagnostik, Kinesiologie und Pulsdiagnose. Unter der Überschrift »Medikamente und orale Behandlungen« checkt Ernst verschiedene Mittelchen: von Globuli über chinesische Heilkräuter bis Paläo-Ernährung. Danach seziert er physikalische Therapien, etwa Akupunktur, Osteopathie, Reflexzonenmassage und Schröpfen. Andere zweifelhafte Behandlungen wie Geistheilung, Eigenbluttherapie, Krebsdiäten, Ayurveda und die so genannte Neue Germanische Medizin kommen ebenfalls vor.

Der Autor fasst jeweils den Forschungsstand zusammen und zieht dabei systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen heran. Für all diese Verfahren vergibt er in den Kategorien Plausibilität, Wirksamkeit, Unbedenklichkeit, Kosten und Risiko-Nutzen-Verhältnis den Stempel grün (positiv), gelb (diskutierbar) oder rot (negativ). So ist auf den ersten Blick erkennbar, wie gut ein Verfahren abschneidet. Und es sind einige Überraschungen dabei.

Als unwirksam und sogar gefährlich sind ruckartige Handgriffe an der Wirbelsäule ausgewiesen, wie sie beim Chiropraktiker vorkommen. Hiervor warnt Ernst ausdrücklich. Immer wieder komme es durch solche Behandlungen zu Schäden an einer Arterie, die das Gehirn versorgt. Die Folge: ein Schlaganfall. »Die Belege dafür, dass die chiropraktische Wirbelsäulenmanipulation über den Placeboeffekt hinaus wirksam ist, sind für Wirbelsäulenprobleme wie Rücken- und Nackenschmerzen schwach und für alle anderen Leiden negativ«, so sein Fazit.

Als unwirksam – aber immerhin unbedenklich – stellt Ernst die Akupressur vor. Die Behandlung soll ähnlich wie die Akupunktur bestimmte Körperstellen stimulieren und damit Beschwerden lindern. Weil dazu keine Nadeln in die Haut gesteckt werden, gibt es kaum Risiken. Die vielen Versprechen, etwa Schmerzlinderung oder Hilfe bei der Raucherentwöhnung, kann die Akupressur allerdings nicht einlösen. In den meisten Studien wirkte sie nicht besser als eine Scheinbehandlung.

Für gut befindet der Experte dagegen etwa die Achtsamkeit. Entsprechende Übungen, die Patienten darin schulen, Eindrücke im Hier und Jetzt wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten, bekommen in allen Kategorien einen grünen Stempel: Sie sind demnach in ihrer Wirksamkeit plausibel, effektiv, unbedenklich, kostengünstig, und der Nutzen übersteigt das Risiko. Fraglich ist jedoch, ob der Name Alternativmedizin hier überhaupt noch passt – ist Achtsamkeit doch längst Bestandteil konventioneller Psychotherapien. Denn am Ende ist alles, was seinen Nutzen bewiesen hat, schlicht Medizin.

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