»Herr Ernst kauft eine Katze«: Wer nur funktioniert, lebt nicht
Bei Herrn Ernst ist der Name Programm: makellos gebügeltes Hemd, Strickweste, polierte Schuhe, die Augenbrauen stets prüfend zusammengezogen, widmet er sich nur Dingen, die nützlich und notwendig sind. Knie- und Rumpfbeugen nach dem Aufstehen, ein gesundes – wenn auch wenig schmackhaftes – Frühstück, Zahlen und Tabellen bei der Arbeit. Sein Alltag ist effizient, funktional und bis ins Detail optimiert. Autorin Roksana Jędrzejewska-Wróbel überzeichnet in der Figur von Herrn Ernst, was das moderne Leben vieler bestimmt: jeden Moment effizient nutzen, keine Minute vergeuden.
Wohl kein Lebewesen wäre besser geeignet, einen solchen durchgetakteten Tagesablauf grundlegender infrage zu stellen als eine Katze, gelten diese Tiere doch als Meister des Müßiggangs. Bis zu 20 Stunden pro Tag schlafen sie. Sind sie wach, machen sie allerlei unnütze Dinge: an frisch gemähtem Gras riechen oder sich in ihm wälzen. Und dennoch kauft Herr Ernst sich eine Katze. Einen Kater, um genau zu sein.
Eine Katze oder Beruhigungstabletten?
Wie es dazu kommt? Der Grund ist denkbar pragmatisch: Herr Ernst hat erfahren, dass Schnurren die Nerven beruhigt. Und zwar besser als seine stets griffbereiten, rosafarbenen Beruhigungstabletten. Adam Pękalskis Illustrationen greifen die Haltung von Herrn Ernst, der selbst keine Heiterkeit kennt, humorvoll auf: Mit herabgezogenen Mundwinkeln und mürrischem Blick wird der Kater zum Spiegel seines Besitzers.
Auch im Verhalten wird das Tier seinem Halter immer ähnlicher. Offenbar genießt der Kater sein Leben nicht: Er will nicht schnurren. Weder Vitamine noch Spielmäuse helfen. Beim Tierarzt fragt Herr Ernst schließlich, ob der Kater »kaputt« sei – er habe schließlich viel Geld für ihn ausgegeben. Der Tierarzt schlägt ihm daraufhin die eigentlich natürlichste Sache der Welt vor: Er solle ihn doch einfach mal streicheln.
Die Entdeckung des Streichelns
Was folgt, ist die wohl rührendste Szene des Bilderbuchs für Kinder von drei bis acht Jahren. Zunächst verlegen, dann immer selbstbewusster streichelt Herr Ernst seinen Kater – so lange, bis sich ein Lächeln auf seinem ernsten Gesicht ausbreitet. Die ungewohnte Tätigkeit gelingt ihm, indem er dabei ans Staubwischen denkt. Und der Kater? Er schnurrt.
Humorvoll verpackt, stellt das Buch eine große, unbequeme Frage: Wer sind wir, wenn wir aus dem Hamsterrad aussteigen? Wenn wir aufhören, »vielbeschäftigte Herren« zu sein? Eine Frage, vor der es Herrn Ernst so sehr graust, dass er sie kaum zu Ende denken mag.
Das Bilderbuch ist ein Plädoyer für den Müßiggang, etwas, das für Kinder noch ganz selbstverständlich ist. Es erinnert an die kleinen, scheinbar unnützen Dinge, die das Leben ausmachen: einen Drachen steigen lassen, Grimassen schneiden, sich an einen Baum schmiegen. Ein Buch, das Erwachsene vielleicht noch dringender brauchen als Kinder.
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