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Buchkritik zu »Hitlers Bombe«

Wie nahe waren die Deutschen im Zweiten Weltkrieg dem Bau einer Atombombe gekommen? Bisher war man davon ausgegangen, dass die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Nutzung der Kernspaltung im Wesentlichen von dem so genannten Uranverein um Werner Heisenberg betrieben wurden und sich fast ausschließlich auf den Bau eines Reaktors konzentrierten.

Diese Sichtweise geht nicht zuletzt auf eine Legende zurück, die Carl Friedrich von Weizsäcker während der Internierung in Farm Hall im Sommer 1945 formulierte, dass nämlich "die friedliche Entwicklung der Uranmaschine in Deutschland unter dem Hitler-Regime statt[fand], während die Amerikaner und die Engländer diese grässlichen Kriegswaffen entwickelten". Der Berliner Historiker Rainer Karlsch belegt nun auf der Grundlage ausgiebiger Detailforschungen, dass dieses Bild höchst unvollkommen und einseitig ist. Deutsche Wissenschaftler und Techniker haben an der waffentechnischen Nutzung der Urankernspaltung sehr viel intensiver gearbeitet, als sie selbst bisher zugegeben oder andere herausgefunden haben.

So hat Karlsch in russischen Archiven ein Patent Carl Friedrich von Weizsäckers vom Sommer 1941 über die Nutzung von Plutonium als Kernsprengstoff ausfindig gemacht. Der Autor konzentriert sich weniger auf den Uranverein als vielmehr auf die Gruppe des Heereswaffenamts um Kurt Diebner; auch erfährt man im Buch erstmals Näheres über Parallelforschungen der Marine und der SS. Seine Ergebnisse basieren nicht zuletzt auf umfangreichem Material aus Moskauer Archiven, das die Rote Armee nach 1945 dorthin verbracht hatte. Darüber hinaus wurden durch ihn bislang unzugängliche Privatnachlässe und Spionageberichte erschlossen. Alles in allem also ein gut recherchiertes Buch, das auch ohne das Spektakulum Atombombe interessant und wichtig wäre.

Das Problem des Buchs liegt darin, dass der Inhalt das Versprechen des Titels nicht einlöst. An keiner Stelle gibt es eine klare und verständliche Beschreibung einer "taktischen Atomwaffe", einer "Uran-235-Bombe" oder einer "thermonuklearen Hohlladungsbombe", Konzepte, die nach seiner Darstellung zumindest intensiv diskutiert wurden. Die Erklärungen bleiben im Qualitativen und Prinzipiellen stecken, sämtliche konkrete Daten und Berechnungen fehlen.

Insbesondere bleibt unklar, wie die "thermonukleare Hohlladungsbombe" hätte funktionieren sollen. Nach dem damaligen wie dem heutigen Stand der Physik ist es faktisch unmöglich, auf chemischen Weg und mittels konventioneller Methoden die Bedingungen für eine Fusionsreaktion zu erreichen. Auch wird nirgendwo im Buch zweifelsfrei beantwortet, wo in Deutschland das für eine Atombombe nötige Plutonium oder angereichertes Uran produziert wurde. Auch Karlschs (sehr wahrscheinlich zutreffende) Hypothese, Diebners Reaktoranordnung in Gottow sei für kurze Zeit kritisch gewesen, ist interessant und für sich genommen sogar sensationell. Doch hilft sie hier wenig, denn nennenswerte Mengen an Plutonium konnten so sicherlich nicht erzeugt werden.

Gleichwohl ist eine der zentralen Thesen des Buchs, es habe in Deutschland mindestens zwei nukleare Testexplosionen gegeben: im Oktober 1944 auf der Insel Rügen und im März 1945 nahe dem thüringischen Ohrdruf. Für den Test auf Rügen ist allerdings der zitierte Kronzeuge, ein italienischer Kriegsberichterstatter, alles andere als eine seriöse Quelle. Der Test in Thüringen ist besser belegt, doch auch hier zeigen die vorliegenden Quellen und Zeitzeugen eigentlich nur, dass dort im März ein Waffentest stattfand, bei dem es große Zerstörungen und Hunderte von Toten unter den Häftlingen eines Konzentrationslagers gegeben hat. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Nuklearwaffe oder "nur" um eine neuartige konventionelle Waffe handelte, dafür fehlt nach wie vor der letzte, überzeugende Beweis.

Karlsch versucht diesen mit der Analyse von Bodenproben zu erbringen, doch auch diese sind bislang alles andere als eindeutig. Der Autor behauptet – was der marketinggerechte Buchtitel und die reißerische Verlagsankündigung deutlich herausstellen –, dass deutsche Physiker und Techniker für Hitler eine Atombombe gebaut und auch mehrmals erfolgreich getestet hätten. Eine solche kühne These, welche die Ergebnisse der bisherigen Forschung auf den Kopf stellen würde, bedarf überzeugender Beweise. Von Letzteren ist Karlsch aber noch weit entfernt, denn die von ihm mit viel Fleiß zusammengetragenen Indizien sind zwar interessant, doch häufig allzu vage und wenig belastbar. So liefert das Buch eine Fülle neuer und wichtiger Informationen zur Atomforschung im Dritten Reich, doch wenig über die deutsche Atombombe.

Die gab es schlichtweg nicht. Entgegen der Verlagsankündigung muss die Geschichte der Uranforschung im Dritten Reich nicht neu geschrieben werden – aber unter dem Eindruck von Karlschs Forschungsergebnissen sehr wohl präzisiert und fortgeschrieben. Dabei sollten auch gleich die neuen Legenden, denen nicht zuletzt das vorliegende Buch Vorschub leistet, in den Orkus der Wissenschaftsgeschichte wandern.
  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 12/2005

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