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Wunder im Wald

Wilde Honigbienen in unseren Wäldern? Den Leser erwartet eine atemberaubende Entdeckungsreise in eine wenig bekannte, noch kaum erforschte Welt.

Ein wundervolles Buch, zugleich ein fantastischer Fotoband und ein spannendes, aufschlussreiches Werk zum Schmökern. Wer es aufschlägt, wird es so schnell nicht wieder weglegen.

Der renommierte Fotograf Ingo Arndt präsentiert viele unglaubliche Aufnahmen vom Lebenszyklus wilder Völker von Apis mellifera, »unserer« Westlichen Honigbiene. Jürgen Tautz, einer der bedeutendsten Bienenforscher, steuert die hochwertigen umrahmenden Texte bei. In ihnen skizziert er in einem knappen Rundumschlag einprägsam das heutige Wissen über diese wichtigen Insekten. Und er betont wiederholt, wie viele neue Rätsel rund um Evolution, Ökologie und Verhalten der Honigbienen während der Arbeit an diesem Buch aufgetaucht sind.

Den Bienen auf der Spur

Der Band bietet eine Menge Dramatik: und das nicht nur durch den Aufwand, mit dem Arndt seine Bilder gewann, teils hoch in Bäumen im Wald, teils im dafür umgestalteten Garten. Sondern mehr noch dadurch, dass der Leser den Bienen wirklich nahezukommen meint. Eine Aufnahmefolge zeigt, wie mehrere Bienen eine eingedrungene Hornisse dicht umschließen und durch Hitzebildung zu Tode schmoren. Ein Foto belegt den Tandemflug, mit dem eine Honigsammlerin eine unerfahrene Arbeiterin huckepack zur Futterquelle geleitet. Auf den schönsten Nahaufnahmen sieht man Bienen direkt ins Gesicht, schaut ihnen beim Füttern oder Putzen von Artgenossen zu oder darf Zeuge sein, wie eine Drohne schlüpft. Faszinierend ist auch, wie die Bienen an Spalten am Hinterleib Wachsplättchen abgeben oder wie sie dem Schwarm mit Duftstoffen den Weg zu einer neuen Höhle signalisieren: Bei geöffneten Duftdrüsen schicken sie die Pheromone aus, indem sie mit den Flügeln schwirren. Und das sind nur wenige begeisternde Beispiele der eindrucksvollen Abbildungen.

Jedes der acht Kapitel liefert eigene Höhepunkte, erhellende Einblicke und manche für die Imkerei aufschlussreiche Zusammenhänge. Die Abschnitte »Mitbewohner im Bienenstock« und »Verteidigung um jeden Preis« etwa beleuchten, wie stark ein waldlebendes Bienenvolk mit verschiedensten anderen Tierarten verflochten ist, ob Parasiten, Schäd- oder Nützlinge. Zu den fast immer anzutreffenden Helfern zählt ein winziges Spinnentier, der Bücherskorpion. Er rückt beispielsweise der verheerenden Varroamilbe zu Leibe. In den heute gebräuchlichen Bienenkästen mit ihren glatten Wänden kann er nicht leben, doch frühere Imker schätzten diesen Mitbewohner.

Mein Lieblingskapitel, auch wenn die Auswahl nicht leicht fällt, ist aber wohl »Einzug in eine Spechthöhle«. Vorher schon darf der Leser miterleben, wie Bienen schwärmen und eine neue Wohnung suchen. Nun beziehen sie die länger verlassene und darum bestens für sie geeignete Behausung. Und wieder überraschen die Autoren mit einigen Neuigkeiten für die Forschung. Denn manches Verhalten, das Imker in Andeutungen beobachten und nicht deuten können, zeigt sich nun viel ausgeprägter im Zusammenhang. Beispielsweise raspeln die Immen erst einmal die Wände der neuen Höhle glatt und kleiden sie dann mit Propolis aus, einer harzartigen Substanz gegen verschiedenste Mikroorganismen, die sie von Pflanzenknospen gewinnen. Besonders eindrucksvoll sind die großen Netze, die sie aus ihren Körpern bilden – gleich anfangs in der eben bezogenen Höhle unter dem Bienenklumpen, der sich an der Decke zusammengefunden hat, und in warmen Nächten am Höhleneingang. Dazu haken die Tierchen sich mit den Beinen aneinander und verharren in dieser Position manchmal reglos über Stunden.

Die Texte zu den acht Kapiteln wie auch die ausführlichen Bildlegenden lesen sich sehr gut. Honigbienen, erfährt man, sind an sich Insekten des Waldes. An diesen Lebensraum haben sie sich in ihrer langen Evolution angepasst. Auch hier zu Lande, von uns meist unbemerkt, gibt es noch wilde Honigbienenvölker, die in hohlen Bäumen und Baumhöhlen leben. Offensichtlich können sie viele Unbilden beim Leben im Wald wesentlich besser meistern, nicht zuletzt Parasiten. Selbst mit dem Wetter und manchen Folgen menschlicher Umwelteingriffe werden sie in einem gesunden Wald viel besser fertig als bei Imkerhaltung.

Vieles in ihrem Verhalten erklärt sich offenbar aus ihrer Herkunft – und läuft wohl deswegen in der Imkerei oft ins Leere. Vor allem aber kann sich das ökologische Wechselspiel mit verschiedensten Arten hier kaum einstellen. Dazu eine kurios anmutende Beobachtung: Verlassene Bauten nutzt eine Wachsmotte; von deren Raupen wiederum lebt der Ameisenbuntkäfer, und der ist ein Gegenspieler des verheerenden Borkenkäfers.

Wegen der zunehmenden Schwierigkeiten mit der Bienenhaltung richten Experten ihr Augenmerk nun verstärkt auf die Waldbienen. Sie versprechen sich davon neue Ideen, wie mit den Völkern in Menschenhand umzugehen wäre. Auch die ebenfalls vorgestellte Zeidlerei, die in Osteuropa noch betrieben wird, gibt wertvolle Anregungen. Zeidler halten Honigbienen noch traditionell in präparierten Baumstämmen. Insgesamt ist den Autoren mit »Honigbienen« ein rundum überzeugendes Gesamtkunstwerk gelungen.

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