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Gespräche mit Gerst

Neugier habe eine gewaltige Kraft, schreibt Alexander Gerst und berichtet von wagemutigen Vorgängern und vom Alltag in der ISS-Raumstation.

Wie ein Apfelausstecher bohrt sich die Biopsie-Nadel in die Muskeln des Oberschenkels von Alexander Gerst. Die Raumfahrer im All führen nicht nur Experimente durch, sondern sind manchmal selbst Versuchskaninchen, berichtet Gerst. Das sei schon in Ordnung. »Aber Spaß macht das nicht«, kommentiert er trocken, auch wenn die ihm entnommene Probe nur so groß wie ein Reiskorn ist. Verglichen mit den Strapazen des jahrelangen vorbereitenden Trainings klingt das sicher überraschend. Doch es macht den Astronauten und Kommandanten der ISS-Raumstation nahbar.

Im Gespräch mit dem Expeditionsreporter Lars Abromeit plaudert Gerst mit ansteckender Begeisterung über sein Leben, seine Erfahrungen, erzählt Wissenswertes und Anekdoten aus seiner Zeit als Kommandant der ISS. Dazu ziehen die großformatigen und atemberaubenden Fotos aus dem All die Leserinnen und Leser in den Bann. Wie das Leben auf engem Raum in Schwerelosigkeit aussieht, verdeutlichen zudem viele Aufnahmen aus dem Innern der ISS.

»Ich sehe die Erde, ich sehe die Wolken! Es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!« Yuri Gagarin(1934–1968), erster Weltraumfahrer

Gerst und Abromeit ist ein wunderbares Buch gelungen, das eine schöne Seite der Menschen zeichnet. Macht es Sinn, so viel in Raumfahrten zu investieren? Rentierten sich die Versuche im Weltall? Diese Fragen verblassen hinter der Begeisterung eines sympathischen Menschen wie Gerst, der mit seinen Händen vor dem Abflug schon mal ein Herz formt. Er mahnt aber auch, diesen einzigartigen Planeten zu erhalten. Denn er sieht aus seiner Beobachtungskuppel in 400 Kilometer Höhe nicht nur dessen Schönheit, sondern ebenso, wie sich Holzfällerstraßen und Rinderweiden ins Amazonas-Gebiet fressen und wie Smogwolken die Luft schwer machen. Auf seine eigene fränkische Heimatregion im Kreis Heidenhohe wirft er ebenfalls einen Blick und erkennt, wie sich dort die Dürre ausbreitet.

Zwar finden in der Schwerelosigkeit 300 Experimente statt, aber die Neugier sei der eigentliche Grund dafür, ins All zu fliegen, so Gerst, denn die liege dem Menschen im Blut. Neugier treibe uns von jeher an, ins Unbekannte vorzustoßen. Und so berichtet das Buch auch von der jahrtausendealten Entdeckertradition der Menschheit. Wissenswertes, historische Fotos und Zitate der Polar-, Tiefsee- oder Naturforscher wie Shackleton, Scott, Amundsen, Cousteau, Humboldt sowie der Flugpioniere Wright bereichern das Buch.

Ein eigenes Vorbild nennt Gerst, das nicht ganz in diese Reihe passt: MacGyver. So wie der Filmheld, der sich mit improvisierten Basteleien aus brenzligen Situationen rettet, scheint Gerst manchmal diese Fähigkeiten ebenfalls zu brauchen. Beispielsweise musste er mit einer Mullbinde und Kleber ein gefährliches Leck in der Außenwand der Raumfahrtkapsel stopfen. Ein anderes Mal reißt das Kommunikationskabel seines Kollegen ab, und er muss das Raumschiff allein beim Wiedereintritt steuern und mit der russischen Bodenstation kommunizieren – auf Russisch.

Das Team mit Serena Auñón-Chanceller (USA) und Sergey Prokopyev (Russland) auf der ISS funktioniert gut, trotz der bestehenden Konflikte der Länder auf der Erde. So steht die Raumstation nicht nur für Forschung im All, sagt Gerst. Sie war ursprünglich im Sinn der Völkerverständigung geplant. Denn allein kämen wir nirgendwohin.

Neugier und Abenteuerlust liegen auch Gerst im Blut. Er habe realistische Chancen, bei einer der nächsten Missionen zum Mond mitzufliegen, schätzt er. Wenn es hieße, das Training dafür beginne am nächsten Tage, hätte er in 30 Minuten seinen Koffer bereit.

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