»Hubble & Webb«: Großformatiger Genuss
Seit rund fünf Jahren liefert das teuerste Teleskop aller Zeiten atemberaubende Bilder des Kosmos – das »James Webb Space Telescope« (»JWST«). Oft wird es als Nachfolger des »Hubble Space Telescope« (»HST«) bezeichnet, dessen spektakuläre, wenn nicht gar ikonische Bilder ein eifriges Presseteam regelmäßig veröffentlicht hat. Auch die Reparaturbesuche durch Astronauten, bei dessen erstem sogar eine Korrekturlinse eingebaut werden musste, um dem optisch fehlerhaft gebauten Teleskop zu seiner vollen Schärfe zu verhelfen, haben zu seiner Berühmtheit beigetragen. Das JWST ist größer, leistungsfähiger, aber medial nicht ganz so präsent.
Der Astrojournalist Dirk H. Lorenzen schafft hier Abhilfe und vergleicht in seinem Buch die Bilder der beiden Weltraumteleskope miteinander – ein Hochgenuss! Machen Sie es sich gemütlich für die Lektüre dieses Buchs, es erwarten Sie viele Seiten mit beeindruckenden, großformatigen Bildern. Und vielleicht ist »Lektüre« hier das falsche Wort, denn die Hauptbotschaft erschließt sich bereits beim Betrachten der Abbildungen: wie faszinierend schön die Objekte am Himmel sind.
Vom Sonnensystem weit hinaus ins All
In sechs Kapitel ist das Buch unterteilt. Das erste stellt die beiden Hauptakteure HST und JWST vor. Wie sind diese Roboterteleskope aufgebaut, und wie funktionieren sie? Die folgenden vier Kapitel zeigen Aufnahmen, sortiert nach abgelichteten Objekten: Zunächst geht es um Nebel und Sterne in der Milchstraße, wo man zum Beispiel auch das vermutlich bekannteste Hubble-Bild »Säulen der Schöpfung« findet. Danach folgt ein Kapitel über Planeten – sowohl die des Sonnensystems als auch die nur als Lichtpünktchen sichtbaren Exoplaneten. Weiter geht es mit Galaxienaufnahmen, den Sterneninseln im All, die oftmals in Spiralform durchs All driften, aber auch häufig miteinander kollidieren oder sich vielmehr gegenseitig durchfliegen. Kapitel fünf nimmt sich dann derjenigen Forschungen an, die durch das JWST zurzeit den größten Auftrieb erfahren: Objekte in sehr großer Distanz, mit einem Alter von häufig weniger als einer Milliarde Jahren nach dem Urknall. Das letzte Kapitel stellt schließlich noch kurz die nächste Generation an Teleskopen vor, die alle bodengebunden sind: das Vera-Rubin-Teleskop mit einem Fokus auf veränderliche Phänomene am Himmel, das Radioteleskop »SKA« (»Square Kilometre Array«) und das 39 Meter messende »ELT« (»Extremely Large Telescope«), das im Moment in Chile errichtet wird.
Auch wenn die Abbildungen dominieren: Es lohnt sich unbedingt, auch die Texte des Buchs zu lesen und so den optischen Genuss noch mit Verständnis zu krönen – denn gerade durch den Vergleich der Bilder aus den beiden Observatorien kann man viel lernen. Zumal das JWST nicht einfach eine größere Version des HST ist, denn es beobachtet auch bei längeren Wellenlängen. Das führt dazu, dass die effektive Bildschärfe der beiden ›Augen im All‹ vergleichbar ist, aber unterschiedliche Dinge zeigt. Mit dem JWST sieht man zum einen kühlere Objekte – sein Fokus liegt weniger auf Sternen und mehr auf Gas; zum anderen blickt es tiefer in Objekte hinein, durch vorgelagerten Staub hindurch. Der Autor hat das an vielen Stellen geschickt illustriert, etwa durch direkte Gegenüberstellungen oder die Darstellung von Galaxien, von denen jeweils eine Hälfte in der HST- und der JWST-Version gezeigt wird.
Der heimliche Star: die Spektroskopie
Die kommunikative Kraft solcher Abbildungen ist den Weltraumagenturen wohl bewusst. Es gibt keine bessere Werbung für ein Teleskop als die großen, bunten und scharfen Bilder, die es geschossen hat. Interessanterweise verwendet man trotzdem nur etwa ein Drittel der verfügbaren Teleskopzeit darauf, solche Bilder aufzunehmen. Der Großteil der Zeit wird für Spektroskopie genutzt, die viel mehr über die Astrophysik der anvisierten Objekte verrät. Doch für die Präsentation in der Öffentlichkeit taugt selbst ein in der Fachwelt bejubeltes Spektrum wenig. Und so hat sich in dieses Buch gerade einmal ein Spektrum verirrt (S. 124) – hier sieht man die Signaturen von verschiedenen Stoffen in der Atmosphäre eines Exoplaneten.
Nur zwei kleine Schwachpunkte konnte ich ausmachen. An manchen Stellen wiederholen Bildunterschriften kompakt, was bereits im ersten, einführenden Kapitel ausführlich erläutert wurde. Für Leser ohne astronomisches Vorwissen, die das Buch nur durchblättern, bleiben diese stark komprimierten Erklärungen vermutlich unverständlich. Der andere Kritikpunkt betrifft die Art und Weise, in der Lorenzen die Farbgebung der Bilder beschreibt – und zwar in Bezug auf die Unterscheidung von »Pseudofarben« und »Falschfarben«.
Pseudofarben entstehen dort, wo die Bildinformation bei verschiedenen Wellenlängen aufgenommen und dann dem Farbraum zugeordnet wird – also ganz so, wie auch das menschliche Auge funktioniert. Unter Einsatz von drei Farbkanälen, die ähnlich wie Rot, Grün und Blau angeordnet sind, erzeugt man so Bilder, die sehr natürlich aussehen. Die so entstehenden Farben sind zu unterscheiden von Falschfarben, die etwa bei medizinischen Röntgenbildern verwendet werden. Hier wird nur zur Kontraststeigerung die eigentlich einfarbige Bildinformation auf eine Farbpalette gelegt. Solchen Bildern sieht man sofort an, dass ihre Farben Falschfarben sind. Komischerweise verwendet Lorenzen jedoch genau dieses Beispiel, um die Farben der astronomischen Infrarotaufnahmen zu erklären. Hubble und Webb zeigen das All aber in echten Farben – nur eben nicht im optischen Bereich. Diese Echtheit spürt man beim Betrachten der von ihnen erschaffenen Bilder. Und sie ist es auch, die dieses Buch zu einem optischen Genuss werden lässt.
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