»Hyperreaktiv«: Reagieren statt kommunizieren
»Who says what in which channel to whom with what effect?« Dieser Satz, bekannt als die »Lasswell-Formel«, beschreibt das grundlegende Modell der Massenkommunikation: Wer sagt was, in welchem Kanal, zu wem und mit welchem Effekt? 1948 vom US-amerikanischen Politik- und Kommunikationswissenschaftler Harold Dwight Lasswell formuliert, strukturiert dieser Ansatz Kommunikation als überschaubaren Prozess – ein Modell, das lange Gültigkeit hatte. In »Hyperreaktiv« zeigt die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout, was dem Modell mit Blick auf unsere Gegenwart fehlt: die Dimension des Reagierens.
Kohout beschreibt eine »Reaktionskultur«, die »laut, schnell und permanent« sei – eine »hyperreaktive Öffentlichkeit«, in der pausenlos kommentiert, gespottet und gewertet werde. Reaktionen seien nicht mehr bloß Antworten, sondern folgten einer eigenen kommunikativen Logik. Grundlage ihrer Analyse ist ein persönliches Archiv: Während andere Briefmarken sammelten, so schreibt sie, sammle sie als Zeitzeugin des Internets Screenshots – von Memes, Tweets, Storys und Posts.
»Die Öffentlichkeit antwortet, aber sie redet nicht mehr.«
Ihre zentrale Beobachtung: »Je mehr Reaktionen kursieren, desto weniger echte Kommunikation scheint stattzufinden.« Sprache wird zum Reflex: »Die Öffentlichkeit antwortet, aber sie redet nicht mehr.«
Damit verschiebt sich auch die Praxis des Deutens. Allerdings verstünden viele die Bedeutung von Interpretation als Methode nicht, hält Kohout fest. Digitale Inhalte erschienen ihnen »zu banal, zu kurzlebig, zu flüchtig«, um sie sorgfältig zu interpretieren. Dabei seien diese Inhalte »oft genauso komplex, mehrdeutig und interpretationsbedürftig wie traditionelle kulturelle Artefakte«.
Gleichzeitig entstünden neue Formen digitaler Macht. »Die neuen digitalen Autoritäten legitimieren sich nicht durch die Tiefe ihrer Analyse, sondern durch die Resonanz auf ihre Deutungen.« Interaktion werde zum wichtigsten Maßstab. Das Gewicht verschiebe sich »vom Primat der Expertise hin zum Primat der Reaktionstauglichkeit«. Besonders in politischen Debatten gingen Erklärungen »fließend in Hyperinterpretationen« über – strategische Überdeutungen ersetzten Einordnung.
Der hyperreaktive Mensch
Soziale Medien erscheinen der Autorin dabei als »Ausdruck und Architektur eines systemischen Zynismus«. Reaktionskultur und Hyperinterpretation stünden »in einem symbiotischen Verhältnis« und prägten eine Kommunikationsform, die von strategischer Instrumentalisierung und Misstrauen durchzogen sei. Auch Journalismus und Kunst blieben davon nicht unberührt. Medien müssten schneller werden, zuspitzen, emotionalisieren – und adaptierten damit Techniken, »gegen die sie eigentlich als Korrektiv wirken sollten«.
Diese Entwicklung verdichtet sich in der Figur des »hyperreaktiven Menschen«: Ständig alarmiert, fragmentiert in seiner Aufmerksamkeit, konsumiert er Nachrichten weniger, um sich zu informieren, sondern vielmehr, um auf sie reagieren zu können. Inhalte werden so zum Material für eine »reaktive Performance«.
Kohouts Buch liefert keine Handlungsanweisungen, sondern eine Diagnose: Öffentlichkeit ist zum permanenten Kampf um Deutungsmacht geworden – und Reaktion zur zentralen sozialen Praxis digitaler Gegenwart.
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