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Der Rausch der Mächtigen

Die Droge beeinflusste jahrtausendelang den diplomatischen Austausch und politische Entscheidungsprozesse.

Willy Brandt (1913–1992) hatte sich seinen Antrittsbesuch als Bürgermeister Westberlins bei Andrej Tschamow, dem Vertreter der sowjetischen Kontrollkommission in Ostberlin, am 16. Januar 1958 sicher anders vorgestellt. Doch zum Empfang wurde reichlich Wodka ausgeschenkt – und Brandt kehrte sichtlich alkoholisiert ins Schöneberger Rathaus zurück. Für seine politischen Gegner, aber auch für Parteigenossen war das eine willkommene Gelegenheit, ihn als »Weinbrand-Willy« zu verspotten.

Auch wenn diese Eskapade noch heute ein Schmunzeln hervorruft, so zeigt sie doch, wie eng Diplomatie und Alkoholkonsum miteinander verwoben sein können. Ob Wein, Bier, Champagner oder Schnaps – bei Empfängen, Abendessen oder Vertragsabschlüssen wurden und werden sie gerne gereicht. Denn das Rauschmittel löst die Zunge und lockert die Stimmung.

Ohne Trinkfestigkeit ging es nicht

Der Historiker Jochen Oppermann zeigt in seinem Buch diese Verflechtung an verschiedenen Beispielen aus Antike, Mittelalter und Neuzeit auf. Trinkfestigkeit zählte lange Zeit zu den notwendigen Eigenschaften von Herrschern, Politikern und Diplomaten; ebenso das Wissen um die Tricks, trotz des Konsums halbwegs nüchtern und damit Herr des Geschehens zu bleiben.

Ebenso galt Alkohol in der Geschichte auch als Zahlungs- und Grundnahrungsmittel: Bereits die sumerischen Priester ließen sich im 3. Jahrtausend v. Chr. mit Bier bezahlen; einem Arbeiter des sumerischen Reichs standen täglich zwei Liter Bier zu, einem Verwaltungsbeamten drei und einem Priester fünf. Ferner belegen zeremonielle Trankopfer etwa zu Ehren der altägyptischen Göttin Sachmet die religiöse Bedeutung alkoholischer Getränke. Sie wurde als Göttin des Kriegs sowie der Heilkunst mit drei Tage andauerndem Alkoholkonsum verehrt. Ebenso war der medizinische Nutzen des Weins bei der Herstellung von Salben und Bandagen bekannt.

Ähnlich dem griechischen »symposion« kannten die Römer die »comissatio«: ein Trinkgelage nach dem Abendessen, bei dem reichlich Alkohol gereicht, gesellschaftliche Kontakte gepflegt und geknüpft sowie politische Diskussionen geführt wurden. Auch Senatoren und Kaiser nahmen an ihnen teil, was jedoch nicht allen zur Ehre gereichte: So handelte sich der römische Kaiser Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) dabei den wenig schmeichelhaften Spitznamen »Biberius« (Trinker) ein. Kaiser Caligula (12–41 n. Chr.) scheint bei den Gelagen getreu dem Motto »in vino veritas« (im Wein liegt die Wahrheit) einer heuchlerischen Aristokratie den Spiegel vorgehalten und für verschiedene Eskapaden gesorgt zu haben, wodurch sein Ansehen in der Bevölkerung litt. Er wurde später ermordet. Dass Alkohol bereits vor Jahrhunderten schon als Seelentröster diente, zeigt Oppermann am Beispiel Kaiser Karls V. (1500–1558). Angesichts der vielfältigen finanziellen, politischen, militärischen und theologischen Schwierigkeiten des fast unregierbaren Heiligen Römischen Reichs scheint dieser nicht nur im katholischen Glauben und im höfischen Zeremoniell, sondern auch im Alkohol Halt gesucht zu haben.

Trotz manch amüsanter Begebenheit regt das Buch zum Nachdenken an. Denn der Leser fragt sich unweigerlich, ob manche politische Entscheidung – im Positiven wie im Negativen – auch ohne den Einfluss des Rauschmittels zu Stande gekommen wäre oder wie sie stattdessen ausgesehen hätte. Zudem scheint Alkohol zu den Mitteln gehört zu haben, die im 20. Jahrhundert die Mordmaschinerie des nationalsozialistischen Holocaust am Laufen hielten. Oppermann weist darauf hin, dass die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz 1942 die Fertigstellung des Protokolls nicht nur mit viel Cognac besiegelten. Auch für die bei den Massenmorden in Auschwitz eingesetzten Täter stand immer ausreichend Alkohol zur Verfügung. Dieser half dabei, die Kameradschaften innerhalb der Truppen aufrechtzuerhalten und Skrupel zu reduzieren.

Der Autor zeichnet anhand ausgewählter Beispiele ein facettenreiches Bild über die kulturelle und politische Bedeutung des Alkohols, etwa seinen Einfluss auf die amerikanische Unabhängigkeit. Bekannt ist auch der übermäßige Whisky- und Gin-Konsum Winston Churchills vor dem Hintergrund der nervenaufreibenden Anspannung des Zweiten Weltkriegs und des alliierten Kampfs gegen Nazi-Deutschland.

Oppermann richtet sich mit seinem Buch an Leserinnen und Leser, die an den Geschichten hinter unserer politischen und kulturellen Historie interessiert sind. Eine stärkere Thematisierung der heutigen Massenproduktion alkoholischer Getränke sowie der Lobbyarbeit hätte den sonst gelungenen Band sicher zusätzlich bereichert.

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