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Imperium der Kälte

Wissenschaftsjournalist Bjørn Vassnes beschreibt die Welt des Frosts anschaulich, unterhaltsam und in diversen Facetten – bindet diese aber allzu großzügig zusammen.

Am Anfang des Lebens war das Eis, und wenn in naher Zukunft keines mehr sein wird, dann bekommen wir ein Problem – so etwa kann man die Sichtweise des Wissenschaftsjournalisten Bjørn Vassnes auf die Kryosphäre, die Gesamtheit des gefrorenen Wassers auf der Erde, beschreiben. In 25 kurzen Kapiteln beleuchtet der Autor, der aus der Kälte kommt (er ist in der Finnmarksvidda, weit im Norden Norwegens, aufgewachsen), verschiedene Aspekte der Kryosphäre. Thematisch deckt er dabei ein Feld ab, das angesichts des vergleichsweise dünnen Bands enorm weit gesteckt ist. Unter anderem erörtert er, wie es zu Eiszeiten kommt und aus welchen historischen Gründen man sie erforscht. Er beschreibt die Fragilität der nordischen Ökosysteme, indem er aufzeigt, wie sich ausbleibender Schnee auf das Überleben der Rentiere auswirkt. Auch etlichen weiteren Folgen des Klimawandels widmet er sich: Schwinden im Gebirge beispielsweise die Gletscher, dann fallen diese als sommerlicher Wasserspeicher aus und die Menschen in tiefer gelegenen Regionen bekommen erhebliche Schwierigkeiten, eine geregelte und planbare Landwirtschaft zu betreiben. Tauen wiederum Permafrostböden auf, wird das sehr potente Treibhausgas Methan freigesetzt und die Stabilität von Gebirgshängen leidet.

Großzügige Assoziationen

Vassnes beschreibt dies alles kurz, bündig und anschaulich. Wie die eben umrissene Themenauswahl aber schon deutlich macht, bietet das Buch den Lesern und der Leserinnen mit Vorkenntnissen kaum neue oder überraschende Einsichten. Dies zeigt sich besonders klar an dem Kapitel über die »hundert Wörter«, die Inuit angeblich für »Schnee« haben – ein Sachverhalt, der längst Eingang in die festen Wendungen gefunden hat.

Des Autors Liebe zur Kryosphäre führt dazu, dass er viele Dinge allzu großzügig zusammenbindet. Natürlich wirkten sich Klimaveränderungen in der erdgeschichtlichen Vergangenheit auf die Evolution und Sesshaftwerdung des Menschen aus – Stichwort Vegetationswandel. Hier hatten Veränderungen der Kryosphäre sicherlich einen großen Einfluss, können aber nicht isoliert betrachtet, sondern müssen als Teil eines größeren Systems gesehen werden. Auch mutet es ein wenig seltsam an, wenn Vassnes argumentiert, die industrielle Revolution sei durch fossile Rohstoffe ermöglicht worden, die in Warmzeiten entstanden und in Kaltzeiten eingelagert wurden. Merkwürdig verflochten wirkt es, wenn der Autor erläutert, wie die Kryosphäre auf verschiedenen Ebenen Synergien befördert. So beschreibt er die Zusammenarbeit des Polarforschers Roald Amundsen mit seinen Schlittenhunden; schlägt dann den Bogen zur These, der Zusammenschluss einzelliger Organismen zu Mehrzellern bringe in Zeiten globaler Vereisungen einen evolutionären Vorteil; und schildert schließlich den bemerkenswerten Zusammenhalt der Kaiserpinguine in ihrer polaren Umgebung. Jedes dieser Themen mag für sich genommen seine Berechtigung haben, ihr Zusammenklammern aber nicht unbedingt.

Insgesamt beschäftigt sich das Buch mit vielen interessanten und lesenswerten Aspekten des Oberthemas »Eis«. Deren Verknüpfung ebenso wie der überschwängliche Enthusiasmus des Autors können jedoch nicht recht überzeugen.

48/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 48/2019

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