»Im Schein von Gold und Feuer«: Kaperfahrten für die ganze Familie
»[M]an sah feuerspeiende Drachen durch die Lüfte fliegen. Unmittelbar darauf folgte eine große Hungersnot, und wenig später […] zerstörten die Heiden auf fürchterlichste Weise […] Gottes Kirche auf Lindisfarne.« So berichtete die »Angelsächsische Chronik« vom Überfall auf das Inselkloster vor der britischen Küste im Jahr 793 (die Chronik wurde etwa ein Jahrhundert später begonnen). Jahrzehntelang hatte sich in Skandinavien eine Gesellschaft entwickelt, in der das Kriegertum hoch im Kurs stand. Nun ging man auf Kaperfahrt gen Süden.
Woher der Name »Wikinger« stammt, darüber streiten die Gelehrten noch. Ursprünglich bedeutete er möglicherweise »Krieger« oder »Kaperfahrt«. Doch einerlei – wurden ihre Schiffe gesichtet, stand das Schlimmste zu befürchten. Die bärtigen Nordmänner überfielen Klöster, Dörfer, Städte. Ihre Langboote mit den flachen Böden und den Drachenköpfen am Bug trugen sie über die hohe See von Küste zu Küste ebenso wie auf den Flüssen ins Landesinnere. Selbst in der Hagia Sophia im einstigen Konstantinopel finden sich Graffiti der Drachenboote. Ob ihre Besatzung auf Beute aus war oder mit den Einwohnern Konstantinopels Handel trieb?
Segelnde Dörfer
Vorangetrieben von einem Segel und vielen Rudern war Seefahren nichts für Schwächlinge. Dennoch war es keine Männerdomäne, wie die Historikerin Eleanor Barraclough in ihrem äußerst lesenswerten Werk betont. Ging es auf Entdeckungsfahrt, oder war man auf der Suche nach Siedlungsland, dann reisten auch Frauen und Kinder, Alte und Tiere mit. Denn nicht Waffen allein gaben Stärke, sondern der gewachsene Familienverband, die Dorfgemeinschaft. Davon erzählt der Umriss eines Fußes in den Planken des norwegischen Gokstad-Schiffs aus dem 9. Jahrhundert. Denn es ist der Fuß eines Jungen, vielleicht zehn Jahre alt. Ritzte er den Umriss aus Langeweile ins Holz, wie es eben Teenager so tun? Gut zehn Jahre nach dem Stapellauf wurde aus dem Schiff ein Schiffsgrab für einen Hochmögenden, mit Tonnen von Erde bedeckt und so vor dem Zerfall bewahrt.
Der Vergangenheit ganz nah
Es sind Details wie diese Fußzeichnung, mit denen die Autorin die Kultur der Wikinger dem Lesenden unmittelbar werden lässt. Dem Buchtitel zum Trotz spielt dabei Gold, von skandinavischen Dichtern »Glut der Hände« genannt, in diesem Werk keine besonders große Rolle. Denn es geht Barraclough um solche eher unscheinbaren Spuren, die uns den Alltag der Menschen näherbringen, als es der Goldschatz eines Herrschers vermöchte. »Anhand der kleinen Fragmente gelebten Lebens […] können wir durch Raum und Zeit zu den Menschen der Vergangenheit vordringen […] und geben ihnen eine neue Bedeutung und eine neue Stimme.« Bildreich und wortgewandt regt die Autorin dazu an, ihr selbst in die düstersten Moore zu folgen. »In den wärmeren Monaten sind die spiegelglatten Tümpel mit den leuchtend gelben Blüten von Moorlilie und Wasserschlauch übersät […] Wenn die Tage kürzer werden, nehmen sie die Wärme und das Licht mit sich.«
In Mooren und Seen berührten sich aus Sicht der Skandinavier die Sphären der Menschen und der höheren Mächte. Und eben an diesen mystischen Orten haben sie ihren Göttern geopfert. Das Spektrum der archäologischen Funde ergänzt die Schriftquellen. Im Moor Vimose auf der dänischen Insel Fünen etwa fand man einen bronzenen Greifen, der vermutlich einst einen römischen Helm zierte. Dazu einen Schwertgriff aus dem Stoßzahn eines Elefanten. Vielleicht gehörten diese wertvollen Objekte dänischen Kriegern, die im Heer des Imperiums gedient hatten. Eine andere Fundgattung sind Waffen, die vor dem Opfergang unbrauchbar gemacht worden waren. Vermutlich hatte man sie nach einer gewonnenen Schlacht den Gegnern abgenommen.
Kinoreife Apokalypse und trübe Quellen
Vielleicht, vermutlich – Barraclough betont, dass vieles lediglich plausibel ist. Ja, so manche Erkenntnis, die lange als sicher galt, stellt man heute wieder infrage. Sogar hinsichtlich der Religion. Da haben wir längst feste Bilder im Kopf, nicht zuletzt dank der medialen Karrieren von Thor und anderen Göttern. Einst übernatürliche Mächte, die man um Unterstützung anrief, und die halfen, die Welt zu erklären, werden sie in Comics und Filmen zu kosmischen Superhelden umgedeutet. Das ist verständlich, die nordischen Mythen bieten Action und Drama. Und das mit brutaler Konsequenz: Nichts, nicht einmal die Götter, überlebt den finalen Weltenbrand Ragnarök.
Leider sind die wichtigsten Quellen zur nordischen Glaubenswelt mit einem Makel behaftet. Die Prosa-Edda aus der Feder des Schriftstellers Snorri Sturluson und die anonyme Sammlung Lieder-Edda entstanden erst im 13. Jahrhundert auf Island. Da war die Insel aber schon seit 200 Jahren christlich. »Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob und wie sich die mythischen Figuren und die mit ihnen verbundenen Rituale mit der Zeit veränderten«, mahnt die Autorin.
Als Beispiel führt sie den Gott Tyr an, zuständig für Krieg und Rechtsprechung. Er habe dem Wolf Fenrir zur Beruhigung eine Hand ins Maul gelegt, damit die Asen ihm ein Seil umbinden konnten. Das Ende kann man sich denken; Körperteile zu opfern, scheint eine gewisse Tradition unter den Asen gehabt zu haben. Viel mehr aber verraten die beiden Quellen zu Tyr nicht. Laut der Autorin könnte er jedoch in früherer Zeit sehr wichtig gewesen sein, vielleicht sogar die Hauptgottheit. Dafür spricht unter anderem, dass viele Ortsnamen Dänemarks und Westnorwegens seinen Namen enthalten. Loki taucht dagegen in keinem auf: »Wenn Sie einen Gott suchen, dem Sie vertrauen und auf den Sie sich verlassen können, sollte Loki definitiv nicht Ihre erste Anlaufstelle sein.«
Heiden mit Stil
Eine weitere Überraschung hält Barraclough in Sachen Körperpflege bereit. Man assoziiert die Krieger mit Kraft und Gewalt – aber wer hätte gedacht, dass ihnen das Hairstyling wichtig war? Tatsächlich gehören Kämme (und entsprechende Etuis) zu den häufigeren Funden. Sicher halfen deren Zinken, der Kopfläuse Herr zu werden. Offenbar legte man aber auch Wert auf einen bestimmten Look. In den von Wikingern eroberten Gebieten Englands beklagten Chronisten, die Einheimischen hätten deren Moden übernommen. »Betrachtet nur die Kleidung, die Frisuren, […] wie sie sich Bärte und Haare schneiden, um den Heiden zu ähneln!« Von blinden Augen und entblößten Nacken ist oft die Rede – die Skandinavier rasierten sich offenbar den Nacken, ließen aber das Haar vorn in die Stirn hängen.
Wie weit die Ansichten dazu auseinandergingen, macht der Bericht eines Muslims deutlich, der im Auftrag seines Kalifen an Verhandlungen mit den Rus teilnahm: Skandinaviern, die über die Ostsee und die eurasischen Flüsse gen Süden vorgedrungen waren. Aḥmad Ibn-Faḍlān fand die Wikinger keineswegs eitel, sondern nannte sie »wandernde Esel […] Jeden Tag waschen sie sich das Gesicht und den Kopf mit dem schmutzigsten Wasser, das man sich ausmalen kann.« Denn die Waschschüssel gehe reihum, es werde sogar hineingespuckt. Man kann dem Mann nur wünschen, dass es ihn nie nach England verschlug.
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