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Wenn T-Zellen Hotdogs futtern

Philipp Dettmer will Leser für das Immunsystem begeistern. Das gelingt ihm mit einem optischen wie auch sprachlichen Feuerwerk.

Wenn Lifestyle-Blogger und Influencerinnen ihre Weisheiten oder Lebensgeschichten aus dem virtuellen Raum in die Buchhandlungen hieven, hält sich der Erkenntnisgewinn oft in Grenzen. Das Gegenteil trifft auf Philipp Dettmers Erstling »Immun« zu. Dass der Youtuber dem komplexen Immunsystem gerecht werden kann, hat er in über 150 Erklärvideos auf seinem erfolgreichen Youtube-Kanal Kurzgesagt – In a Nutshell bewiesen, der 17 Millionen Abonnenten hat. Nun hat er sein Erklärkonzept erfolgreich auf Papier übertragen.

Man könnte meinen, das Beste am Buch sei seine Optik: Es ist mit zahlreichen bunten Grafiken im Stil der »Kurzgesagt«-Videos ausgestattet, die das Gefühl vermitteln, einen der populären Clips zu »lesen«. Doch so toll die Infografiken auch sind, das tatsächliche Alleinstellungsmerkmal ist die Leichtigkeit, mit der Dettmer seine Leser durch das Immunsystem führt. Dettmer verwandelt unsere Abwehrzellen in »kopflose Immun-Soldaten«, die den Kampf gegen zahlreiche Feinde antreten. Zu den Helden seiner Odyssee gehören unter anderem die ausschließlich Hotdogs futternden T-Helferzellen oder die Neutrophilen, die man sich als »schlecht gelaunte Schimpansen auf Koks mit Maschinengewehr« vorstellen kann.

Zum Glück verteidigen sie den Körper, diese »komplizierte Röhre«, die »sehr feucht, schleimig und irgendwie eklig« ist, nicht allein: Da sind etwa die wohlgesonnenen »Barbarenstämme«, also Bakterien, die auf Haut und Schleimhäuten leben und ihren Lebensraum nicht gerne mit anderen Keimen teilen. Die Haut selbst wird zum »Wüstenkönigreich«, einem Verteidigungswall »voller Gift speiender Geysire, die jeden Feind wegspülen«. Bei so vielen witzigen und kreativen Bildern merkt man fast nicht, wie Dettmer das Immunsystem Stück für Stück auseinanderdröselt – und man selbst ständig dazulernt.

Mehr als Infotainment

Dettmer möchte seine Leserschaft für das Immunsystem begeistern. Bereits im ersten Satz ist er mit ihnen per du, erklärt in »Normalsterblichensprache«, wie er sie nennt, wie der Körper auf kleine Schnittwunden, auf Grippeviren oder chronischen Stress reagiert. Der umgangssprachliche Ton, den der Autor auch in seinem Youtube-Kanal anschlägt, kommt gut an. Millionen Menschen auf der ganzen Welt sehen sich die mittlerweile in mehreren Sprachen erscheinenden Videos an, die von Schwarzen Löchern, dem Klimawandel oder eben dem Immunsystem handeln. Sie wollen keinen drögen Frontalunterricht, sondern ein Format, das sie begeistert. »Immun« ist aber mehr als Infotainment. Das stellt Dettmer direkt klar. Es soll dazu beitragen, dass Leserinnen und Leser genug dazulernen, um »nicht mehr irgendwelchen Quacksalbern ausgeliefert« zu sein.

Philipp Dettmer ist Teil einer neuen Generation von Wissensvermittlern. Er erklärt verständlich, ohne ungenau zu werden. Und er beschönigt nicht: Denn künstliche Beatmung heißt nichts anderes als »ein Rohr in die Lunge stecken«, schreibt er etwa zum Coronavirus. Dass er zu bestimmten Themen wie Impfungen eine klare Position vertritt, ist wichtig und mutig. Gerade diese emotionale Ebene macht vielen Menschen erst den Einstieg in wichtige Themen möglich. Und wenn Schwurbler mit Polemik Stimmen gewinnen, ist es höchste Zeit für die Wissenschaft, Stellung zu beziehen.

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