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Sinnbild des Lebens

René Prêtre ist ein herausragender Herzchirurg und Klinikdirektor der Herzchirurgie am Universitätsspital Lausanne und Genf. Seine Lebensgeschichte wäre wohl schnell erzählt, handelte sie nur über seinen fachlichen Werdegang, seine Fingerfertigkeit und technische Brillanz. Doch in seiner Autobiografie geht es um viel mehr. Bis heute hat Prêtre 5000 bis 6000 Operationen an Kinderherzen durchgeführt, die bei Neugeborenen oft nur walnussgroß sind. Mit viel Bewunderung und Demut schreibt er über das Organ, das mehr als 80 000-mal pro Tag schlägt, ohne Unterlass, Tag und Nacht.

Seine Arbeit vergleicht Prêtre mit der eines Uhrmachers: Genauigkeit, Geduld und Präzision bestimmen das filigrane Handwerk. Neben aller Raffinesse und den medizinisch-technischen Fortschritten, die eine Operation am offenen Herzen überhaupt erst möglich machen, geht es vor allem um Verantwortung und Ethik. Sehr persönlich schildert Prêtre das Schicksal von Kindern, bei denen er OP-bedingte Verletzungen, etwa schwere Hirnschäden, und manchmal auch den Tod nicht verhindern konnte. Dabei wird klar, dass seiner Tätigkeit eine schwer auszuhaltende Dichotomie innewohnt: Aus Sicht der Patienten und ihrer Angehörigen ist er Held und Henker zugleich.

Gewaltige Bürde

Unter anderem erzählt der Autor von Robin, einem eigentlich gesunden Elfjährigen, der in einer nicht zwingend gebotenen Operation eine Komplikation erlitt und sich seither im Wachkoma befindet. Diesen "Randbereich, der nicht mehr Leben, aber auch nicht Tod ist", sieht Prêtre als "schlimmstmöglichen Ausgang" eines medizinischen Eingriffs. Er berichtet von seinen ethisch äußerst schwierigen Entscheidungen darüber, welches Kind operiert wird und welches nicht – oft ein Urteil über Leben oder Tod.

Im Rahmen der 2006 von ihm gegründeten Stiftung "Le Petit Coeur" begeben sich Prêtre und sein Team einmal jährlich nach Mosambik und Kambodscha, wo sie dutzende herzkranke Kinder am Tag operieren. Weil die finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen aber begrenzt sind, müssen sie manche Kinder von der Behandlungsliste streichen – meist solche mit gravierenden Fehlbildungen, deren Prognose schlecht ist und bei denen ein Eingriff wenig Erfolg verspricht. Neben solchen bedrückenden Schilderungen erzählt Prêtre aber auch von vielen Patienten, deren Leben durch eine riskante Operation gerettet wurde.

Für den Autor hat das Herz, trotz der Entzauberung durch die Wissenschaft und trotz der traurigen Seiten seines Berufs, immer noch etwas Magisches und Geheimnisvolles an sich. Diese Faszination und Prêtres Freude über jede gelungene Operation sind in jedem seiner Sätze spürbar. Ein empfehlenswertes Werk für alle, die an medizinischen und gesellschaftlich-sozialen Themen interessiert sind.

31/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31/2017

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