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»Insektengeflüster«: Die bedrohte Vielfalt

Vor allem die sogenannten Hautflügler haben es Dominique Zimmermann angetan. Sie widmet sich ihrem Leben, aber auch der Bedrohung, die der Mensch für sie darstellt.
Wespen tun sich an einem Stück Kuchen gütlich

Wer ein Buch mit dem Satz »Indeed, to a good approximation, all organisms are insects!« eröffnet und es zugleich »allen Menschen, die das Leben auch im Kleinen sehen«, widmet, der scheint genau zu wissen, warum er das tut. Doch leider dürfte sich der Witz, der im ersten Teil des Satzes steckt, nicht jedem Leser auf Anhieb erschließen. Und auch sein zweiter Teil dürfte nicht unmittelbar »ankommen« – schließlich sind viele Menschen, euphemistisch formuliert, schon genervt, wenn nur eine Fliege in ihrer Wohnung erscheint. Aber genau für diese Menschen ist dieses Buch gedacht. Denn es erzählt auf eindringliche Art und Weise aus dem Leben von Insekten – natürlich nicht aus dem Leben von allen, aber aus dem von vielen, und zwar in jeweils etwas ausführlicherer Form.

Die Autorin Dominique Zimmermann ist vom Fach. Sie ist Kuratorin am Naturhistorischen Museum in Wien und Entomologin, beschäftigt sich hier aber nur mit einem Teilbereich ihres Fachs, nämlich den Hymenoptera oder auch »Hautflüglern«. Genauer gesagt: Sie befasst sich primär mit den mitteleuropäischen Wildbienen. Österreich ist mit etwas über 600 Arten ein Hotspot für diese Tiere.

Zimmermanns Buch widmet sich zunächst der Frage, wie viele Insektenarten es überhaupt gibt. Das ist ein schwieriges Thema, denn wer sollte diese enorme Zahl auch nur vage schätzen können? Der amerikanische Biologe Terry Erwin etwa vernebelte die Kronen von 19 Bäumen im Tropischen Regenwald mit einem Insektengift und zählte anschließend die toten Käferarten, die auf ein auf dem Boden ausgebreitetes Tuch gefallen waren. Es waren insgesamt mehr als 1100 verschiedene. Unter Berücksichtigung einiger anderer ökologischer Parameter multiplizierte er diese Zahl mit der Zahl verschiedener Bäume (50 000) und kam so auf etwa acht Millionen Arten. Diese Zahl erschien ihm jedoch zu hoch und er korrigierte sie nach unten. Andere Forscher kamen mit anderen Methoden auf 5,5 bis 7,2 Millionen Insektenarten. Aufgabe der Museumsentomologen ist es nun, die Vielfalt zu benennen und sogenannte rote Listen zu erstellen, aus denen erkennbar wird, welche Arten besonders geschützt werden müssen.

Da ist zum Beispiel von Sceliphron curvatum die Rede, der seit den 1970er Jahren nach Europa eingewanderten Orientalischen Mauerwespe. Sie sucht offensichtlich die Nähe des Menschen und nistet sich etwa in einem Bücherregal ein oder macht es sich an Vorhängen oder in Fensterzwischenräumen gemütlich – eben überall dort, wo es warm und trocken ist. Auch Termiten, die »Anwärter für einen Architekturpreis«, die wahre Wohlfühlbauten errichten und ihre Brut mit gezüchteten Pilzen füttern, werden behandelt. Und auch der Monarchfalter findet Erwähnung. Er wird in seinem Wanderverhalten beschrieben, wobei seine außerordentliche Navigationsleistung besonders hervorgehoben wird.

Traurige Befunde und mögliche Maßnahmen

Zudem beschreibt die Autorin die Entstehung der oft sehr komplizierten Verhaltensweisen der Tiere. Sie erläutert zum Beispiel, was sich bei den Hautflüglern infolge der Umstellung von pflanzlicher Nahrung auf tierische Larvennahrung verändert hat. So gab es nun neben »Legimmen« auch »Stechimmen« – für die Entstehung dieser neuen Teilordnung musste lediglich die Legeröhre in einen Stachel (der mit einer Giftdrüse gekoppelt ist) verwandelt werden. Es entstanden auch parasitäre Formen, die sofort in der biologischen Schädlingsbekämpfung Verwendung fanden. Und aus Grabwespen wurden Bienen!

Die Stiche der »Stechimmen« wirken sich übrigens durchaus unterschiedlich aus. Die Autorin bietet einen vierstufigen Schmerzindex, an dem man sich orientieren kann. Er wurde an der Honigbiene »kalibriert«. Der Erfinder dieses Index, Justin Schmidt, beschreibt beispielsweise den Stich einer Ernteameise (Pogonomyrmex) aus Südamerika so, als ob »jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehnagel freizulegen«.

Ein wichtiger Teil des Buchs handelt »Von einer lebensfeindlichen Welt«. Er untersucht das Sterben der Insekten und benennt dabei neben seinen Ursachen auch mögliche Gegenmaßnahmen. Die Befunde sind oft bedrückend. Die »Krefeld-Studie« kam beispielsweise zu dem erschütternden Ergebnis, dass die Biomasse von Fluginsekten in 63 deutschen Schutzgebieten zwischen 1989 und 2016 um 76 Prozent, im Hochsommer sogar um 82 Prozent zurückgegangen ist. Es werden Ursachen benannt, die leider schon so lange bekannt sind: Verlust an Lebensraum, der »englische Rasen«, die zu häufige Mahd, die versiegelten Flächen, der hohe Fleischkonsum, Pestizideinträge et cetera. Auch formuliert die Autorin zahlreiche Vorschläge dazu, wie sich diese Entwicklung wenn nicht stoppen, so doch zumindest verlangsamen ließe. Bei manchen von ihnen bin ich im Hinblick auf ihre tatsächliche Umsetzung allerdings sehr pessimistisch. Immerhin: Hoffnungsvoll stimmt die ausführliche »Anleitung für Begegnungen mit Insekten«, von der niemand behaupten kann, es sei nichts für ihn dabei. Ein sehr gutes Glossar, das Register und die Literaturliste schließen das lesenswerte Buch ab.

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