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Geschichte als (Fehl-)Konstruktion

Ein Begleitband zur Ausstellung »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« stellt Irrwege der Geschichtsforschung vor.

Stellen Sie sich vor, Sie begegneten einer Gestalt mit Klobrille um den Hals, den Klodeckel am Hinterkopf befestigt und mit einer Klobürste in der rechten Hand. Sie wären wohl ziemlich irritiert. Kaum vorstellbar, aber: Wenn unsere fernen Nachfahren in 2000 Jahren die Überreste unserer Kultur analysieren, könnten sie tatsächlich annehmen, wir – oder wenigstens der elitäre Teil unserer Gesellschaft – seien so gekleidet einem würdevollen Priesteramt nachgegangen. Das hatte der Kunsthistoriker und Grafiker David Macaulay schon vor Jahren in seiner Graphic Novel »Motel der Mysterien« (2000) parodiert.

An dem jetzt erschienenen Band »Irrtümer & Fälschungen der Archäologie«, der die gleichnamige Ausstellung begleitet, hat Macaulay – neben zahlreichen anderen Autoren – ebenfalls mitgewirkt. Im ersten Kapitel beschreibt er ausführlich den Hintergrund seines damaligen Gedankenexperiments, mit dem er die Deutung archäologischer Funde grundlegend und amüsant in Frage stellte. So bringt er den Lesern die Relevanz des Themas sehr unterhaltsam nahe. »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« ist noch bis zum 9. September im Westfälischen Landesmuseum in Herne zu sehen und wird anschließend, vom 24. November 2018 bis 26. Mai 2019, im Roemer-Pelizaeus-Museum Hildesheim gezeigt.

Einhörner und andere Fantasieprodukte

Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie oft Archäologen schon Fehldeutungen und Betrügereien aufgesessen sind. Nachdem sich Museen anscheinend lange dafür schämten, auch Fälschungen in ihren Sammlungen zu haben, scheint sich das Thema seit einigen Jahren recht gut vermarkten zu lassen. So haben sich seit 2011 bereits drei weitere Ausstellungen in der Schweiz und Deutschland dem Thema gewidmet – teils mit einem Augenzwinkern, stets aber mit interessanten Einblicken in die archäologische Forschungsgeschichte. »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« präsentiert sowohl bereits bekannte Exponate wie die vermeintlich skythische Tiara des Saitaphernes, aber auch weniger bekannte, die in insgesamt 17 Essays und einem ausführlichen Katalogteil im Kontext ihrer zeitgeschichtlichen Hintergründe vorgestellt werden.

Vor allem die Geschichten über Irrtümer sind kurios, etwa über Einhornfunde. Was uns heute zum Schmunzeln bringt, erschien im Mittelalter tatsächlich als einzig mögliche Erklärung für jene langen Hörner, von denen wir mittlerweile wissen, dass es sich um Mammut- oder Narwalstoßzähne handelt. Aber auch die jüngere Forschung ist gegen Fehleinschätzungen nicht immun. So stellten Funde von Feuersteingeräten, die der Wurstfabrikant Herta für Marketingzwecke anfertigen ließ und hinterher im Umland entsorgte, die Archäologen zunächst vor ein Rätsel; beinahe hätten sie dazu geführt, dass die Wissenschaftler die mittelsteinzeitliche Steinindustrie Westfalens uminterpretierten.

Dass die Kuratoren zwischen solchen Irrtümern und gezielten Fälschungen unterscheiden, ist sicher hilfreich, um die vielen Aspekte des Buchs zu strukturieren. Davon abgesehen lässt die Gestaltung aber kaum einen roten Faden erkennen. Neben den Anekdoten über die Einhörner und Herta-Steinzeitwerkzeuge finden sich Essays, die von Schliemanns Homer-Obsession und Troja-Fehlinterpretationen über den Wissenschaftsskandal um falsche Datierungen angeblich altsteinzeitlicher Knochen bis zu Kujaus gefälschten Hitler-Tagebüchern reichen.

Die Beiträge stammen von verschiedenen Experten und Expertinnen, die allesamt erörtern, wie selbst Fachleute manchmal Irrtümern oder Fälschungen erliegen. Dies aufzudröseln, gleicht einer spannenden Spurensuche, der sich interessierte Laien sicher gern anschließen. Leider gelingt es nicht allen Essays gleichermaßen, auch Begeisterung zu vermitteln. Einigen fehlt schlicht ein mitreißender Einstieg, andere setzen zu viele Kenntnisse voraus oder sind allzu umständlich formuliert. Auch verrät der Band leider nichts Näheres über die Hintergründe der einzelnen Autoren, was angesichts der Themenvielfalt sicher interessant gewesen wäre.

Unterm Strich zeigt sich der Ausstellungsband thematisch ergiebig sowie durchaus schön und opulent bebildert. Die große Themenfülle und unterschiedliche Qualität der Beiträge machen das Buch aber auch sehr inhomogen, was potentielle Leser(innen) stören könnte. Ausstellungsbesucher hingegen, an die sich der Band vor allem wendet, finden in dem Werk sicherlich eine gute Möglichkeit, ihre Eindrücke von der Schau noch einmal in Ruhe zu vertiefen.

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