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»Ist das okay?«: Aufklären statt aufregen

Sachlich und sensibel thematisiert »Ist das okay?« sexualisierte Gewalt an Kindern. Ein empfehlenswertes Ratgeber-Lesebuch für starke Kinder und Eltern. Eine Rezension.
Ein Vater liest seiner Tochter aus einem Buch vor

Diesem Bilderbuch zum (Vor-)Lesen gelingt ein schwieriger Spagat: Es klärt Eltern wie auch Kinder über alle Aspekte sexualisierter Gewalt auf, mit denen man im Alltag konfrontiert werden kann. Die Schweizer Sozialarbeiterin und systemische Beraterin Agota Lavoyer beginnt mit der Frage, was eigentlich die Intimsphäre ist. Anschließend beschreibt sie, was Sex bedeutet, erläutert mögliche Grenzverletzungen beim Spielen, Baden oder Umziehen und beleuchtet den Umgang mit digitalen Medien und Pornografie.

Dabei geht die Autorin so sensibel vor, dass die Lektüre weder Angst noch Überempfindlichkeit erzeugt. Lavoyer hilft dabei, kein Opfer zu werden (oder zu bleiben), indem sie verbale und körperliche Übergriffe enttabuisiert – denn der beste Schutz vor Missbrauch ist darüber reden. Die Offenheit für das Thema soll andererseits nicht dazu führen, dass man sich vor jeder Berührung oder jedem sexuell konnotierten Schimpfwort fürchtet oder davon verletzt fühlt. Sexualisierte Gewalt geht meist von Angehörigen aus, aber natürlich muss gemeinsames Herumtollen und Körperkontakt erlaubt sein. 90 Prozent der Täter sind männlich, dennoch darf man nicht alle Stiefväter und Onkel unter Generalverdacht stellen und die Gefahr durch Frauen ausblenden.

Lavoyer erklärt, dass sexualisierte Gewalt meist schleichend mit kleinen, harmlos scheinenden Grenzüberschreitungen beginnt. Wenn sich die Täter sicher wähnen, dehnen sie diese allmählich aus und versuchen schließlich, den Missbrauch durch typische Tricks zu verschleiern. Dazu zählen beispielsweise Sätze wie »Das ist normal, das machen alle« oder »Wenn du jemandem davon erzählst, passiert etwas Schlimmes«.

Die gut 70 Seiten des Buchs sind klar aufgeteilt in Vorlesetexte einerseits und Informationen für Eltern andererseits. In den kindgerechten, auf weißem Hintergrund gedruckten Passagen erfährt man etwa: »Manchmal möchten sich zwei Menschen ganz nahe sein, sich überall berühren und küssen (…). Das nennt man Sex. Sex gibt beiden ein schönes Gefühl im Körper.« Aber auch das Unangenehme wird angesprochen, beispielsweise: »Gewalt ist, wenn eine Person eine andere Person absichtlich verletzt.« Auf gelbem Grund finden sich hingegen praktische Tipps für Eltern, ergänzt durch Fakten unter dem Titel »Wissen schützt«. Die Illustrationen von Anna-Lina Balke nehmen das Thema in schönen, realitätsnahen Bildern auf, die reich an Hell-dunkel-Kontrasten sind.

Lavoyer und Balke erklären, ohne zu verklären, und sensibilisieren, ohne zu hypersensibilisieren. Derart ertüchtigte Kinder können sich besser artikulieren, wenn sie bestimmte Arten des Umgangs mit Erwachsenen nicht mögen, und vertrauen sich denjenigen eher an, die sie vor Übergriffen schützen können. Aber auch Eltern profitieren von der sachlichen Art, in der ein großes Tabu thematisiert wird. Ein empfehlenswertes Vademekum für starke Kinder und ihre Eltern.

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