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Wegbereiter der Reformation

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war die Kirche tief gespalten, der sittliche Verfall ihrer Würdenträger weit fortgeschritten. Gleich drei Päpste konkurrierten um den Anspruch, der einzig wahre Stellvertreter Christi auf Erden zu sein. Rufe nach einer grundlegenden Reform der Kirche "an Haupt und Gliedern" wurden immer lauter. Zu jenen, die die Erneuerung besonders vehement forderten, gehörte der böhmische Theologe und Gelehrte Jan Hus (1369-1415).

Zum 600. Jahrestag seines Todes hat der Historiker Walter Rügert eine reich bebilderte Biografie des böhmischen Reformators vorgelegt. Konzise und sehr verständlich schildert er darin Hus’ Werdegang und dessen Rezeption, etwa durch Martin Luther (1483-1546). Das Buch eignet sich auch und vor allem für interessierte Laien.

Wie Rügert darlegt, studierte und lehrte Hus viele Jahre in Prag. Früh las er die Schriften des radikalen englischen Reformers John Wyclif (1330-1384), dessen Ideen er in seine eigenen Vorlesungen einfließen ließ. Bald machte er sich als Prediger in der Prager Bethlehemskirche einen Namen, prangerte Prunk und Dekadenz der Kirche an, wetterte gegen "die fetten Mönche des Herrn" und übte Kritik an der römischen Kurie, die kein Garant des Seelenheils mehr sei, sondern vor allem ein Pfründen- und Sündenpfuhl.

Verständlich predigen: eine Unverschämtheit

Hus’ Reformpläne für die abendländische Kirche sahen die Rückbesinnung auf eine christliche Gemeinschaft vor, die volksnah, nur an der Bibel orientiert und dem urchristlichen Armutsideal verpflichtet sei. Die Kirchenoberen, beklagte der böhmische Erneuerer, setzten alles daran, "dass die gemeinen Leute zur Kenntnis der Schrift nicht kommen". Er selbst predigte auf Tschechisch statt Latein, damit jedermann seine Auslegung der Bibel verstehen konnte. Damit rüttelte der streitbare Prediger am Deutungsmonopol der katholischen Kirche, die für sich das Exklusivrecht reklamierte, das Wort Gottes zu verkünden und auszulegen.

Schnell geriet Hus ins Visier strenggläubiger Dogmatiker. Sie empfanden seine Thesen als hochmütige Provokation, die im Widerspruch zur Glaubenslehre der Kirche stehe. In einer Zeit, in der Gewalt gegen Andersdenkende zur Tagesordnung gehörte, war das für den böhmischen Prediger hochgefährlich.

1410 machte die Kurie gegen die "ketzerische Pestilenz" aus Böhmen mobil. Hus wurde als Häretiker exkommuniziert. Doch der Reformator ließ sich den Mund nicht verbieten. 1413 publizierte er die Schrift "de ecclesia", in der er unter anderem die Rolle des Papstes in Frage stellte und das Gewissen zur obersten Instanz menschlichen Handelns erklärte. Er bezeichnete die Kirche als "Synagoge des Satans", schmähte den Papst als Räuber, Dieb und Antichristen und rief offen zur Missachtung kirchlicher Autorität auf. Spätestens jetzt wurde er zur ernstzunehmenden Gefahr für die Hegemonie der Kurie.

Gebrochene Schutzzusage

Um seine Thesen einem breiteren Publikum kundzutun, erschien Hus am 3. November 1414 auf dem Konstanzer Konzil (1414-1418). Der Prager Theologe fühlte sich dort sicher, schließlich hatte ihm der römisch-deutsche König Sigismund (1368-1437) höchstselbst schützendes Geleit zugesagt. Hus ahnte nicht, dass konservative Theologen insgeheim bereits belastendes Material gegen ihn gesammelt hatten. Eine Untersuchungskommission klagte ihn in einem zweifelhaften Prozess der Verbreitung häretischer Lehren an. Im Sommer 1415 erging in Konstanz das Urteil: Tod auf dem Scheiterhaufen. Was an Asche von dem böhmischen Reformator übrig blieb, wurde in den Rhein gestreut: Nichts von ihm sollte überdauern.

Damit hatten sich die Kirchenoberen eines unbequemen Kritikers entledigt; die Probleme der Kirche hatten sie allerdings nicht aus der Welt geschafft. Den Menschen Jan Hus vernichteten sie, seine Lehren nicht. Hundert Jahre später sollte ein Augustinermönch in Wittenberg, ein gewisser Martin Luther, sie wieder aufleben lassen.

Rügerts Buch bestätigt die Redewendung, wonach weniger mehr sei. Auf knapp hundert Seiten bringt der Autor seinen Leser den Menschen und Gelehrten Jan Hus näher – kurzweilig, aufschlussreich und mit zahlreichen Quellen belegt. Rügert stellt den böhmischen Reformator neutral und sachlich dar, ohne ihn zu verklären. Ein lesenswerter und informativer Band, vor allem für Nichthistoriker, die sich einmal näher mit diesem Vorgänger Luthers beschäftigen wollen.

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