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Viel Lärm um nichts

Hat Jesus die Kreuzigung überlebt? Mit dieser gewagten These stellt der Historiker Johannes Fried die neutestamentliche Überlieferung in Frage.

Liebhaber von Krimis kennen den Satz, mit dem Gerichtsmediziner die Ermittler zur Weißglut bringen: »Näheres erst nach der Obduktion.« Diese für die Wahrheitsfindung entscheidende Aussage könnte als Lesekriterium für das neue Buch des Historikers Johannes Fried gelten. Denn seine Grundthese beruht auf einer einzigen, gewagten Annahme: Jesus von Nazareth habe die Kreuzigung überlebt.

Gab es eine Auferstehung?

Demnach lebte Jesus anschließend einige Jahre weiter, möglicherweise in Ägypten oder Nordarabien. Etwas später habe Paulus aus Tarsus nach einer Vision die Idee der Auferstehung Christi von den Toten propagiert. Die echten Anhänger Jesu, die wussten, dass dieser gar nicht gestorben und nur ein gewöhnlicher Wanderprediger war, habe Paulus durch seine Auferstehungstheologie und massive Verleumdungen bedrängt.

Damit, so der Autor, prägte Paulus die nächsten 2000 Jahre der Geschichte der christlichen Kirchen in seinem Sinne, wodurch die wahre Geschichte des Wanderpredigers Jesus in Vergessenheit geriet. Aber hatte dieser wirklich eine Kreuzigung überlebt? Ein medizinisches Gutachten wäre nützlich, um Frieds gewagte These zu bestätigen.

Die Frage nach der Historizität der Geschichte Jesu ist nicht neu. Spätestens seit der ersten kritischen Interpretation der biblischen Schriften (immerhin vor gut 300 Jahren) hat man immer wieder um die Frage gerungen, was an den Evangelien und anderen neutestamentlichen Schriften wie den Briefen von Paulus wahr ist.

Die Forschung in diesem Bereich steht nie still. Immer wieder bewerten Experten anerkannte Theorien neu, oder Funde antiker Fragmente und Schriften entfachen angeregte Debatten. Selbst Thesen wie die »Zwei-Quellen-Theorie« über die Entstehung der Evangelien, die lange Zeit als unbestritten galten, können von einem Tag auf den anderen Makulatur werden.

In diesem Umfeld bewegt sich das Buch von Johannes Fried: Nicht das Evangelium nach Markus, das lange als das älteste galt, sondern das vermeintlich jüngste nach Johannes gebe die Geschehnisse um die Kreuzigung Jesu am genauesten wieder. Demnach sei Jesus gar nicht am Kreuz gestorben, sondern rechtzeitig vor dem Exitus von seinem Leid befreit worden.

Grund für die Annahme ist das Handeln der römischen Infanteristen: Sie stellten fest, Jesus sei schon tot – aber zur Sicherheit habe einer der Soldaten seine Lanze in dessen Körper gestoßen, wodurch Blut und Wasser aus der Wunde austraten. Fried entwickelt daraus die These, der Speerstich habe zu einer unbeabsichtigten Entlastungspunktion bei einem hämorrhagischen Pleuraerguss (einem Erguss im Brustkorb) geführt, den Jesus durch die Folterung erlitten habe. Das Austreten von Blut und Wasser beweise, dass Jesus überlebt habe, so Fried.

Selbst wenn man diese Schilderung ernst nimmt, muss Jesus nicht zwingend weitergelebt haben. Der Ausdruck »Blut und Wasser« lässt sich symbolisch deuten, wie es in religiösen Texten häufig zu erwarten ist. Zudem ist im Bibeltext von der »Seite« die Rede, aber Fried glaubt zu wissen, der Lanzenstich sei in die rechte Körperseite gegangen, habe das Rippenfell durchstoßen – ohne das Lungenfell zu beschädigen – und sei in den unteren Teil der mit Exsudat (Wundflüssigkeit) gefüllten Pleurahöhle gelangt. Zufälligerweise habe der Legionär mit dem Präzisionswerkzeug »Lanze« das medizinisch Richtige getan. Bei einem solchen Speerstich in die rechte Körperseite müsste der Soldat auch noch Linkshänder gewesen sein. »Pleura« lässt sich allerdings auch mit »Brust« übersetzen, also kann der Stich überall im Brustbereich gelandet sein. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung wäre daher wirklich hilfreich.

Die wackelige These wird für Fried zum Ausgangspunkt für einen Rundumschlag gegen das Christentum und insbesondere gegen Paulus, der die christliche Theologie mit seinem Auferstehungsmythos geprägt habe. Die Streitigkeiten unter den ersten Christen seien dafür Beweis genug.

Dabei ist schon lange bekannt, dass sich die Anhänger Jesu nicht immer einig waren – und zwar nicht erst nach der Kreuzigung, sondern schon zu seinen Lebzeiten. Spuren davon finden sich überall im Neuen Testament. Im Lauf der Jahrhunderte setzte sich mal die eine, mal die andere Theologie durch. Unterschiedliche Interpretationen des Glaubens sind die Regel und nicht die Ausnahme. Die vergleichende Religionswissenschaft zeigt, dass im Christentum dieselben Prozesse abliefen, wie sie sich in Glaubensgemeinschaften weltweit beobachten lassen: Religionen leben von der ständigen Selbstreflexion. Selbstverständlich ist die Rückkehr zur »ipsissima vox« (der ureigenen Stimme) der Religionsstifter immer ein holpriger Weg.

Interessant ist zudem die Rolle, die Fried dem Apostel Paulus zuschreibt: Paulus, der Jesus nicht gekannt hat, habe allein aus einer innerpsychischen Erfahrung heraus eine Theologie geformt, die nichts mit dem ursprünglichen Jesus zu tun gehabt habe. Die Auferstehungstheologie sei ein egoistisches Produkt eines machtbesessenen Visionärs. Beispielsweise finde man in Paulus' Briefen kaum Hinweise auf den historischen Jesus.

Abgesehen davon, dass Religion immer aus einer innerpsychischen Erfahrung entspringt, kann man es Paulus nicht vorwerfen, in seinen Briefen zu wenig auf geschichtliche Fakten eingegangen zu sein. Es handelt sich dabei um religiöse Texte, die eine vollkommen andere Zielrichtung haben, nämlich die theologische Reflexion. Man kann Paulus nicht vorwerfen, dass er die Ansprüche eines Historikers des 21. Jahrhunderts nicht erfüllt.

Es wird leider auch nicht klar, warum Jesus – wenn er denn die Kreuzigung überlebte – dem Treiben Paulus' kein Ende gesetzt hat. Schließlich hätte er die Möglichkeit und das notwendige Selbstbewusstsein gehabt.

Auch das letzte Argument, das Fried gegen die Auferstehung Jesu aufbietet, überzeugt nicht. Die muslimische Inschrift im Jerusalemer Felsendom (zirka 690 n. Chr.), die Jesus als nicht gekreuzigten menschlichen Gesandten Gottes bezeugt, ist in erster Linie als Demütigung der oströmischen Christen zu verstehen, die Jerusalem im Jahr 637 den muslimischen Arabern kampflos übergeben mussten. Die Inschrift ist mit Sicherheit nicht der Beginn einer interreligiösen Diskussion.

Aus religionsgeschichtlicher Perspektive überzeugen die Gedankengänge Frieds nicht, da er seine Argumente aus einer einseitigen Interpretation des frühen Christentums entwickelt, die – wie das Vorwort vermuten lässt – aus einem persönlichen Konflikt mit der christlichen Religion zu entstammen scheint. Im Vorwort dankt Fried dem Verlag für den Mut, sein Buch zu veröffentlichen. In gewisser Weise hat er damit Recht.

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