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»Jetzt bin ich schon wie meine Eltern«: Es geht nicht um Perfektion

Ob autoritär, behavioristisch oder bedürfnisorientiert – Cécile Loetz und Jakob Müller zeigen, welche Folgen Erziehung über Generationen hinweg haben kann.

Von Geburt an sammeln wir Erfahrungen mit der familiären Erziehungskultur, in die wir hineingeboren werden. Die Mutter erleben wir vielleicht als streng, während uns der Vater sanftmütig erscheint. Die einen Großeltern legen viel Wert auf Regeln, die anderen überlassen alle Entscheidungen dem Enkelkind und verwöhnen es. Meist erst viel später – oft erst, wenn man den eigenen Nachwuchs erzieht – macht man sich Gedanken darüber, was wohl hinter den typischen Verhaltensweisen der Vorgängergeneration(en) steckt. Diese Reflexion stelle bereits den ersten Schritt zur Veränderung dar, schreiben Cécile Loetz und Jakob Müller, denn aus psychoanalytischer Sicht beruhe jede innere Veränderung auf einem Prozess der Bewusstwerdung. Die beiden in Heidelberg lebenden Psychoanalytiker zeichnen in ihrem Buch nach, wie sich die drei verbreitetsten Erziehungsstile – autoritär, behavioristisch und bedürfnisorientiert – auf nachfolgende Generationen auswirken können.

Matrose, Kapitän oder Meuterer

In ihren Fallbeispielen schildern sie die Geschichten autoritär erzogener Kinder. Theresa etwa fühlt sich von ihrem Vorgesetzten schnell eingeschüchtert. Ihr Reaktionsmuster sei, so die Autoren, geprägt vom autoritären Erziehungsstil der Eltern: Sie übernehme in ihrem Leben nicht das Steuer, sondern bleibe »Matrose«. Sie passe sich an, ordne sich anderen unter und werde dabei von Selbstzweifeln geplagt. Anders reagierte Nils, der in seiner Vaterrolle versuche, nun selbst zum »Kapitän« zu werden und autoritäre Prinzipien steuernd umzusetzen. Dann gebe es noch die »Meuterer«. Sie wehren sich auf unterschiedliche Arten gegen die Zwänge autoritärer Personen oder Strukturen – laut oder leise, als Querulanten oder mittels körperlicher Symptome.

Das Leid der konditionierten Kinder

Katharinas Eltern agieren hingegen behavioristisch und versuchen, das Verhalten ihrer Tochter mit positiven Anreizen zu beeinflussen – zum Beispiel durch mehr Handyzeit, wenn sie vorher brav gelernt hat. Doch unbewusst spürt das Mädchen, so die Autoren, dass seinen Gefühlen wenig Raum gegeben werde, daher wehre es sich gegen diese Form elterlicher Einflussnahme. Der Umgang mit Emotionen innerhalb der Familie sei schwierig: »Ein Gefühl wird weniger als Ausdruck eines inneren Erlebens verstanden, sondern als ein Problem, das eine Intervention verlangt.« Weder positive noch negative Gefühle können einfach nur erlebt oder ausgehalten werden. Tätigkeiten wie Spielen, Basteln oder Lesen werden nicht als zweckfrei akzeptiert, sondern bekommen den Charakter eines Lernmoments.

Menschen, die so erzogen wurden – vor deren Nase die Eltern also die sprichwörtliche Karotte baumeln ließen, um sie anzutreiben –, könnten, so Loetz und Müller, diese Erfahrungen auf dreierlei Weise verarbeiten. Die »Selbstoptimierer« verstünden sich als Projekt, das ständig verbessert und reguliert werden müsse, damit sie den Erwartungen entsprechen könnten, gut und richtig zu sein. Andere beschränkten sich aufs »Funktionieren« und täten, was von ihnen verlangt wird, statt eigene Wünsche auszuleben. Schließlich könnten sich Betroffene auch auf »Selbstsuche« begeben und danach streben, Zugriff auf die ihnen verschlossene Gefühlswelt zu bekommen.

Heute werde der dritte, der bedürfnisorientierte Erziehungsstil, oft als Nonplusultra angesehen. Doch das Fallbeispiel der kleinen Mila, die meist ihren Willen durchsetzt und deren Eltern all ihre Gefühle verständnisvoll wahrnehmen, zeigt, dass es auch bei diesem Ansatz wichtig ist, das richtige Maß zu finden – auch stetiges Eingehen auf die Bedürfnisse und Emotionen des Nachwuchses birgt laut Loetz und Müller Risiken. Einerseits könne es zu einer »Therapeutisierung« der Eltern-Kind-Beziehung kommen: Eltern ersetzten den direkten Kontakt zu ihren Kindern durch eine fast neutrale Position, aus der heraus sie deren Gefühle dann analysierten. Als weiteres Risiko benennen sie die »Methodisierung« des Kontakts. Bedürfnisorientierte Rhetorik bekomme schnell einen mechanischen Charakter, wenn man mit den immer selben Floskeln auf das Verhalten des Kindes reagiere und so emotionale Nähe verhindere. Auch zu diesem Erziehungsstil benennen die Autoren wieder drei Reaktionsmuster, die sich bei derart erzogenen Kindern ausbilden können: der »selbstgenügsame Versorger«, das »gebundene Kind« oder die »Beziehungsflucht«.

Was bedeutet das nun für unseren Umgang mit Fragen der Erziehung, sei es mit Blick auf die eigene Kindheit oder unsere Rolle als Elternteil? Eine Erkenntnis ist: Trotz aller analytischen Klärungsversuche ist und bleibt die Eltern‑/Kind-Beziehung eine individuelle – die Reflexion von Stilen und Reaktionsmustern kann allerdings als Orientierung dienen. Außerdem – und das ist wohl die wichtigste Botschaft des Buchs: Als Eltern müssen wir nicht perfekt sein, sondern nur »gut genug«. Die Psychoanalytiker Loetz und Müller versichern: »Entwicklung entsteht nicht durch eine allharmonische Konservierung von Bindung, sondern durch die Erfahrung, Brüche immer wieder überwinden und sich neu zusammenfinden zu können.«

Den einen oder anderen »Bruch« findet man auch in ihrem Buch – Loetz und Müller legen als routinierte Podcaster mitunter mehr Wert auf das abwechslungsreiche Erzählen als auf die innere Struktur ihres Werks. Doch auch wenn es vielleicht nicht »perfekt« ist – die spannenden Gedanken der Autoren bieten wertvolle Anregungen zum Umgang mit Erziehungsfragen und sind in dieser Hinsicht mehr als »gut genug«.

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