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Epochaler Autor

Jules Verne prägte mit seinen fiktiven Romanen ganze Generationen und begründete die Sciencefiction mit. Jetzt liegt eine neue Biografie vor.

Ralf Junkerjürgen, Professor für romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, befasst sich in dieser Biografie mit dem französischen Schriftsteller Jules Verne (1828-1905). Er betrachtet dessen Leben und Werk und stellt sie in den historischen, kulturellen und sozialen Kontext des 19. Jahrhunderts. Die Leser erfahren viel über Vernes Vita, seine Persönlichkeit und seine Zeit, aber auch etliches darüber hinaus. Unter anderem legt Junkerjürgen dar, wie der Kunst- und Kulturbetrieb zu Vernes Lebzeiten organisiert war.

Das Buch folgt einem chronologischen Faden von der Geburt des berühmten Autors über seine ersten Schreibversuche und erfolgreiche Romane wie »Reise zum Mittelpunkt der Erde« oder »20 000 Meilen unter dem Meer« bis hin zu seinem Tod und den postumen Veröffentlichungen durch Sohn Michel. Einige von Vernes bekanntesten Werken bespricht Junkerjürgen im Detail – einschließlich ihrer literatur- und kunsthistorischen Einflüsse, der in sie eingeflossenen naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten, ihrem Anklang beim zeitgenössischen Publikum sowie ihrer Aufarbeitung seitens der aktuellen Forschung.

Unterweltreise und Initiation

So setzt Junkerjürgen den Roman »Reise zum Mittelpunkt der Erde« in Beziehung zu literaturhistorischen Vorgängern der Unterweltreisen, man denke etwa an die antiken Mythen um Orpheus oder Aeneas oder an Dantes Inferno, und verdeutlicht so Vernes neue Idee, Mythos durch Wissenschaft zu ersetzen und dabei dem Leser wissenschaftliche Fakten nahezubringen, ohne dass dieser die instruktive Absicht wahrnimmt. Außerdem stellt der Autor die Ergebnisse der neueren literaturwissenschaftlichen Forschung dar, welche die »Reise zum Mittelpunkt der Erde« aus einer psychoanalytischen Perspektive als Initiationserzählung interpretiert, die eine archetypische menschliche Erfahrung verarbeite.

Ausführlich geht der Kulturwissenschaftler darauf ein, wie sich der Roman mit der im 19. Jahrhundert gerade entstehenden Paläontologie auseinandersetzt. Forschung zu prähistorischem menschlichem Leben war nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturell für Verne und seine Zeitgenossen ein brisantes Thema, da sie sich nicht ohne Weiteres mit den biblischen Aussagen in Übereinstimmung bringen ließ, die damals immer noch das vorherrschende Welt- und Menschenbild prägten. Junkerjürgen beschreibt nicht nur den Kenntnisstand zur der Zeit, als die »Reise zum Mittelpunkt der Erde« erschien, sondern schildert auch, dass Verne seinen Roman wenige Jahre nach Veröffentlichung überarbeitete, um neueren Forschungsergebnissen gerecht zu werden.

Schade, dass der Autor den Vergleich zwischen Vernes Ideen und dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht ausführt. Interessant wäre beispielsweise eine naturwissenschaftliche Betrachtung der Romane »Von der Erde zum Mond« und »Reise um den Mond«. Doch diese Werke werden nicht im Detail besprochen.

Zum Ende der Biografie geht Junkerjürgen auf zwei Strömungen in der heutigen Rezeption von Vernes Werk ein: Zum einen bedienen sich die »Heterodoxen« frei aus dem Nachlass des Schriftstellers und nutzen ihn als Inspirations- und Stoffquelle, um im kreativen Umgang damit Neues und Aktuelles zu schaffen. Junkerjürgen bespricht verschiedene Verfilmungen, durch die Verne im Gedächtnis der Popkultur geblieben ist. Diese nehmen die Ideen der Romane auf, streifen aber veraltete wissenschaftliche Vorstellungen und sprachlich Obsoletes ab und passen die jeweilige Handlung an den aktuellen Zeitgeschmack an. Dabei haben erfolgreiche Verfilmungen immer wieder auch Neuauflagen der Werke nach sich gezogen und somit verhindert, dass Jules Vernes Texte in Vergessenheit geraten.

In der zweiten Rezeptionsströmung bemühen sich die »Orthodoxen«, durch akribische Forschung näher an das Werk Vernes heranzukommen und seine Hintergründe im Detail zu verstehen. Junkerjürgen, der dieser Bewegung zuzuordnen ist, gibt interessierten Lesern Hinweise, welche Textausgaben zu empfehlen sind, und führt ein Verzeichnis mit weiterführender Literatur an.

Das Buch ist alles in allem gut verständlich, einzig die literatur- und kunsthistorischen Einordnungen könnten Laien Schwierigkeiten bereiten. Lesenswert ist die Biografie vor allem für Verne-Fans, die mehr über das Leben, das Umfeld und den Alltag des fiktionalen Schriftstellers wissen wollen. Eindrücklich legt Junkerjürgen dar, wie Jules Verne in 43 Jahren rastloser Produktivität 64 Romane schreiben konnte und woher die Ideen stammten, mit denen er Generationen von Jugendlichen und Erwachsenen bis heute begeistert.

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