»Kann das Meer die Erde retten?«: Auch das Meer braucht mal seine Ruhe
Zweimal bemüht der Autor und Meeresforscher Even Moland die Atombombentests im Pazifik als Belege für seine Überzeugung: Das Meer kann sich selbst retten – wenn man es denn in Ruhe lässt. Denn das gelang sogar nach der totalen Vernichtung, wie sie im Bikini-Atoll stattfand. Dort wurden insgesamt 23 Kernwaffen gezündet; die größte von ihnen, eine Wasserstoffbombe, war 1100-mal stärker als die über Hiroshima abgeworfene Atombombe. Die Detonationen zerstörten die Korallenriffe im Bikini-Atoll vollständig. Sie wurden zu Staub zermahlen, kein Fisch überlebte. Doch jetzt, knapp 70 Jahre nach den letzten Tests, gäbe es wieder ein funktionierendes Ökosystem im Meer, so der Autor. Vielleicht mit ein paar weniger Arten. Dennoch, das Meer habe »eine fantastische Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren«, so seine These, die er später im Buch noch an weiteren, weniger drastischen Beispielen belegt.
Even Moland zeichnet ein Bild vom Meer, das er als Wissenschaftler und Taucher kennt und liebt. Dabei springt er manchmal von Thema zu Thema. So berichtet er beispielsweise von Tauchgängen und dem Bewuchs auf einem Wrack in einem norwegischen Fjord, erklärt dann die Gezeiten, um schließlich die Geräusche unter Wasser zu erläutern. Moland schildert aus erster Hand seine persönlichen Erlebnisse im Wasser und mit Forschenden. Der Wissenschaftler schreibt zugleich faktensicher und liebevoll, und so ist sein Buch schön zu lesen. Es lebt von der Kombination aus Fachwissen und den Schilderungen eigener Erlebnisse. Denn wenn Moland schreibt, wie er, tauchend im Wasser, grazile Ruderfußkrebse bewundert, erklärt, dass Hering und Sprotte seine Lieblingslarven seien, weil sie, lang und schmal, sich geradezu durchs Wasser schlängelten, dann merkt der Leser: Moland mag das Meer. Ein Bonus des Buchs ist das hochwertige Papier, das den Lese- und Blättergenuss erhöht und laut Impressum aus FSC-zertifizierter nachhaltiger Waldnutzung stammt.
Menschen brauchen das Meer
Even Moland schildert, was das Meer ist, wie die Strömungen einmal um die Erde kreisen, wie das Leben im Meer und die Nahrungsketten funktionieren, welche Tiere dort leben. Er macht aber auch klar, wie sehr Menschen von einem intakten Meer profitieren und wie wichtig es als Nahrungs- und insbesondere Proteinlieferant ist. Aber obwohl das weithin bekannt sei, würden Menschen diese wichtige Lebensgrundlage durch Überfischung sowie die Zerstörung des Meeresbodens durch Grundschleppnetze und Plastikfrachten gefährden.
Auch die Folgen des Klimawandels erklärt Moland, erwähnt wichtige Maßnahmen zum Schutz des Lebens in den Meeren und schildert internationale Vereinbarungen. Er betont immer wieder, dass es zwar nicht an guten Absichten fehle, die Abkommen aber nicht juristisch bindend seien und so zu reinen Rahmenwerken zu verkommen drohten. Dabei spart der Norweger Moland auch nicht mit Kritik an seiner eigenen Regierung. Und er befürchtet, dass sich alle Anstrengungen für einen umfassenden Meeresschutz als vergeblich erweisen könnten, weil Kapitaleigner an der Spitze der Wirtschaftszweige, auf die es hierbei ankomme, den Erhalt einer lebendigen Küstenlandschaft kaum als oberste Priorität betrachteten.
Die Aufgabe der Wissenschaft
Doch selbst wenn ein umfassender Meeresschutz nicht gelingen sollte, sind, so Moland, auch begrenzte Maßnahmen unbedingt sinnvoll. Er zeigt etwa, welch große Wirkung auch kleinere Schutzgebiete haben können – wie zum Beispiel die vor Jahren auf den Philippinen oder in Neuseeland eingerichteten. Dort erholten sich die Fischbestände in der Nähe von kleineren Reservaten, die nicht befischt werden durften.
Und Moland nimmt die Wissenschaft in die Pflicht, trotz deprimierender Misserfolge und oft wirkungsloser internationaler und nationaler Schutzabkommen nicht aufzugeben: »Wir Meeresforscher müssen herausfinden, woher diese Widerstandskraft kommt, und für ein allgemeines Bewusstsein werben, um die Gesundheit des Meeres auf lange Sicht zu erhalten.« Daher hätte der Titel dieses Buchs statt »Kann das Meer die Erde retten?« vielleicht besser lauten sollen: »Wie können wir das Meer retten?«
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