Direkt zum Inhalt

»Kann KI die Natur retten?«: Mit künstlicher Intelligenz die Natur verstehen und schützen

Mit Hilfe von KI sollen das Verständnis der Natur und der Naturschutz befördert werden. Ein sympathischer Ansatz, der aber auch einige Schwächen aufweist.

»Kann KI die Natur retten?« Letztlich lautet die Antwort der Autorinnen auf diese Frage: »Nein, das müssen wir schon selber tun. Aber KI kann eine der mächtigsten Helferinnen sein, die wir haben werden. Wir sollten sie mit Intelligenz nutzen.«

Dass die Umsetzung dieses Vorsatzes gar nicht so einfach ist, räumen die Biologin Frauke Fischer und die Wirtschaftswissenschaftlerin Hilke Oberhansberg durchaus ein. Denn was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt »Intelligenz«? Die implizite Antwort der Autorinnen lautet: den Menschen im Kontext der Natur zu denken, also in einem universellen Zusammenhang. Denn: »Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Natur immer noch einen gigantischen Wissensvorsprung vor uns hat.«

Aber ist das nicht eine Humanisierung der Natur? Fischer und Oberhansberg sind sich dessen bewusst, dass die Natur von evolutionären Prozessen bestimmt ist, in denen der Zufall eine wichtige Rolle spielt. Wie kann man also der Natur dann »Wissen« zuschreiben? Und wer in der Natur ist Träger dieses Wissens?

Nach Überzeugung der Autorinnen sind dies alle Tiere, Pflanzen oder Mikroorganismen, die sich in Kommunikationsgemeinschaften befinden, wenn sie sich etwa gegenseitig vor Gefahren warnen, gemeinsam Gebiete verlassen, in denen sich ihre Lebensbedingungen durch den menschengemachten Klimawandel verschlechtert haben, oder ihr Verhalten bei nahenden Erdbeben verändern.

Von solcher Kommunikation innerhalb der Biosphäre könnte man lernen. Nur handelt es sich auch bei dieser Beschreibung um eine Übertragung menschlicher Vorstellungen auf natürliche Vorgänge, wodurch die Natur implizit zu einer Art neuem Gott avanciert: »Die Natur hat die Intelligenz erfunden! Und damit den Grundstein gelegt für alles, was Menschen erfinden können – inklusive jeder künstlichen Intelligenz.« Das klingt schon sehr nach Glaubenssätzen wie ›Gott hat die Welt erschaffen.‹

Die Ambivalenz des Einsatzes von KI

Moderne Technologien erlauben es, Tiere mit Sendern auszustatten, um sie zu beobachten. Bewegungsmelder, Wärmebildkameras oder Mikrofone können Daten zum Verhalten von Lebewesen sammeln. Solche Daten massenhaft auszuwerten, ist das, was KI-Anwendungen können. So können sie zum Naturschutz beitragen und die überall bedrohte Biodiversität schützen, auf die auch menschliches Leben angewiesen ist: »Jetzt erkennen wir, dass wir die Natur brauchen, sie uns allerdings nicht. Ups.«

Denn die künstliche Intelligenz vermag auch dort Zusammenhänge herzustellen, wo Menschen sie kaum zu erkennen vermögen. Das führt aber nur dann zu sinnvollen Ergebnissen, wenn die KI mit den richtigen Daten arbeitet. Diese liegen nicht selbstverständlich vor, ihre Erhebung wird von Menschen gesteuert. Entsprechend lassen sie sich auch so manipulieren, dass sie ökonomischen Interessen dienen und nicht ökologischen. Will man vermeiden, dass auch ohne manipulative Absicht eine schlechte Datengrundlage entsteht, muss man – im Sinne der Datenqualität – den menschlichen Blick auf die Welt weiten: »Eine strikt menschenzentrierte Sichtweise trägt der universellen Bedeutung von Ökosystemleistungen nicht Rechnung.«

Doch den Blick auf diese Weise durch KI zu weiten, bedeutet andererseits auch, dass man die Natur dem menschlichen Verständnis noch stärker ausliefert als bisher, wenn nämlich Datenerhebung und -verarbeitung an Bedeutung für unser Naturverhältnis zunehmen. Wohl auch deshalb bemühen sich die Autorinnen, durch ihr Buch die Empathie mit der Natur zu fördern und etwa in der Klimadebatte oder anderen ökologischen Fragen Menschen dazu zu bewegen, sich selbst noch stärker als Teil eines umfassenden Ökosystems zu sehen und nicht nur eigenen kurzfristigen Interessen zu folgen. Das ist denn auch das primäre Anliegen des Buchs, das reichhaltig mit Tier-, Pflanzen- und Landschaftsbildern bestückt ist – verbunden mit seinem Plädoyer für einen KI-Einsatz, der wirklich dazu beiträgt, die Tier- und Pflanzenwelt noch besser zu verstehen.

Was ist eigentlich »Natur«?

Beide Aspekte dieses Ansatzes lassen sich kritisch hinterfragen. Denn zum einen kann ein entsprechend aufgeladenes Naturverständnis Forderungen begünstigen, denen zufolge sich alles Menschliche der Natur als absoluter Macht zu unterwerfen habe. Zum anderen könnte der massive Einsatz von KI zur Beschreibung und Erklärung natürlicher Vorgänge auch die Grundlage dafür bilden, die Herrschaft des Menschen über die Natur auch in ihren destruktiven Aspekten zu perfektionieren und so das Gegenteil dessen zu bewirken, was sich die Autorinnen wünschen.

Da zudem die KI auch keineswegs fehlerfrei operiert und obendrein für bestimmte Interessen missbraucht werden kann, erscheint die Hoffnung, dass die Menschen durch KI zur Natur bekehrt werden, doch etwas sehr optimistisch. Zumal sich eine grundlegende Frage kaum schlüssig beantworten lässt: Wer ist eigentlich diese »Natur«? Einerseits ist unser heutiges Verständnis von ihr durch die Naturwissenschaften und auch bereits durch KI-Anwendungen geprägt. Eine »Natur an sich«, die jenseits menschlicher Vorstellungen existierte, lässt sich aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht schlüssig definieren. Das Buch suggeriert aber das Gegenteil, schürt die Hoffnung, man könne jetzt endlich die Natur so erfassen, wie sie wirklich ist. So sympathisch die dieser Annahme zugrunde liegende Absicht auch sein mag – ein der Komplexität des Phänomens angemessener Naturbegriff entsteht so nicht.

Dennoch: Die Lektüre des Buchs lohnt sich, da interessierte Leser hier eine Menge über Biologie, KI und die Verbindung der beiden Sphären lernen.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Die Illusion der Willenskraft

Warum wir nicht an zu wenig Disziplin scheitern und welche Strategien wirklich helfen, Ziele leichter zu verfolgen erfahren Sie in dieser Ausgabe von »Die Woche«. Außerdem: KI-Hype im Kommentar, wie das Muskelgedächtnis funktioniert, wieso das Feuer in Crans-Montana so tödlich war und mehr.

Spektrum - Die Woche – Unsere Forschungshighlights aus 2025

Fortschritte in der Krebsimmuntherapie, neue Erkenntnisse zum Altern, Entwicklungen in der Quantenphysik, KI in der Mathematik und bedeutende astronomische Beobachtungen: In der letzten »Woche«-Ausgabe des Jahres 2025 blicken wir auf die zentralen Forschungsergebnisse zurück.

Spektrum - Die Woche – Ein alter KI-Ansatz für wahre maschinelle Intelligenz?

Wahre maschinelle Intelligenz – Transparenz und feste Regeln zeigen einen Weg, die KI die Fähigkeit geben könnte, logische Schlüsse zu ziehen. Außerdem: Eisen für die Energiewende verbrennen, das Paradoxon fehlender Information im Universum und Schaden Energydrinks dem Gehirn Jugendlicher?

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.