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Pflanzliche Abwehr

Pflanzen schützen sich mit zahlreichen Giften vor ihren Fressfeinden. Diese können durchaus tödlich sein. Welche Gefahren uns drohen, erklärt dieses Buch.

Wer in Deutschland die Große Brennnessel (Urtica dioica) mit nackter Haut streift, zuckt kurz zusammen, doch der Schmerz ist bald vorbei. Die grünen Stängel kann man sogar kochen und als Frühlingsgemüse servieren. Vor solchem Gefressenwerden schützt sich die Brennnesselart Dendrocnide moroides in Australien mit wesentlich »aggressiveren« Methoden. Ihre Brennhaare können Pferde tagelang außer Gefecht setzen oder sogar töten; Hunde bringen sie zum Würgen und Taumeln. Menschen berichten, dass sie Berührungen dieser wehrhaften Nessel mitunter noch Monate oder Jahre später schmerzhaft spüren.

Das reichhaltige Waffenarsenal, mit dem sich Pflanzen dagegen wehren, verzehrt oder gepflückt zu werden, stellen die Botanikerin Elizabeth A. Dauncey und der Phytochemiker und Pharmazeut Sonny Larsson in ihrem Buch vor. Da die Gewächse nicht weglaufen können, haben sie eben andere Methoden entwickelt, sich gegen Parasiten oder Fressfeinde zu schützen. Die Stärke ihrer Gifte kann dabei – wie im Fall der Nesseln – extrem variieren, abhängig von Art und Standort.

Tödliches Rizin

Die Autoren erklären die chemische Funktionsweise und die medizinischen Wirkungen vieler verschiedener Pflanzentoxine. Zusätzlich liefern sie – in separaten Kästen – geschichtliche Hintergrundinformationen oder erzählen von spektakulären Vergiftungsfällen. Dazu gehört das tragische Schicksal des bulgarischen Dissidenten Georgi Markow. Er arbeitete in London beim BBC und wurde 1978 mit einer pflanzlichen Substanz getötet. Auf dem Weg nach Hause spürte er einen stechenden Schmerz im Bein; vier Tage später starb er an mehrfachem Organversagen. Auf ihn war ein Rizin-getränktes Geschoss abgefeuert worden. Rizin gehört zu den so genannten Lektinen, komplexen Proteinen oder Glykoproteinen, und ist eines der giftigsten von ihnen. Es gilt als dermaßen tödlich, dass in beiden Weltkriegen darüber geforscht wurde, es als Biowaffe einzusetzen, beispielsweise Schrapnelle damit zu tränken. Manchen Leser(inn)en dürfte es auch aus der TV-Serie »Breaking Bad« bekannt sein.

Doch nicht immer »killen« – wie im Titel angeführt – Gewächse ihre potentiellen Feinde; manchmal bereiten sie diesen auch »einfach nur« Unannehmlichkeiten. So schützen sich rote Kidneybohnen mit einer bestimmten Lektin-Variante vor Pilzen und anderen Krankheitserregern. Gekocht können wir sie zwar ohne Weiteres verzehren, roh dagegen rufen sie Vergiftungserscheinungen hervor. Ihr Toxin namens Phytohämagglutinin ist auch in Samen von anderen Hülsenfrüchtlern enthalten und kann bereits nach dem Genuss von einer oder zwei Bohnen zu Erbrechen, Blähungen und Durchfall führen.

Wie die menschlichen Organe funktionieren und inwiefern sie für Gifte anfällig sind, führen die Autoren eingangs auf. Zudem unternehmen sie einen kleinen Exkurs in die Botanik – sehr hilfreich für interessierte Laien. Die anschließenden Kapitel sind nach den »Angriffszielen« wie Magen, Herz, Gehirn, Muskeln, Haut, Leber oder Niere und Zellen geordnet. Hier erklären Dauncey und Larsson medizinisch detailliert, wie das jeweilige Toxin beispielsweise den Herzrhythmus verändert, Hautausschläge verursacht, den Magen angreift oder ungeborenes Leben schädigt.

Mit der Überschrift zum letzten und sehr kurzen Kapitel scheinen die Autoren ihr Publikum etwas beruhigen zu wollen: Aus »Feinden« werden hier »Freunde«. Die Leser erfahren, wie sich einige Pflanzenstoffe als Arzneimittel oder Insektizide gebrauchen lassen. Oft ist es die Dosis, die aus der jeweiligen Substanz entweder ein gefährliches Gift oder eine gesundheitsfördernde Substanz macht. Ein Beispiel hierfür sind die aus Fingerhüten gewonnenen Digitalisglykoside, die niedrig dosiert als Heilmittel bei Herzerkrankungen dienen, hoch dosiert aber töten. Einen weiteren Arzneistoff liefern Schneeglöckchen (Galanthus) oder die Gelbe Narzisse (Narcissus pseudonarcissus) mit der Substanz Galantamin, welche die Symptome der Alzheimer-Krankheit abschwächt.

Es macht Freude, das optisch schön gestaltete Buch mit den zahlreichen Fotos durchzublättern und immer wieder Neues zu entdecken. Chemisch und botanisch Interessierten wird gefallen, dass die Stoffe fachlich detailliert und mit Strukturformeln beschrieben werden. Auch die Vorgänge im menschlichen Körper führen die Autoren medizinisch fundiert aus. Fast ein Drittel des Werks richtet sich deshalb eher an Fachkundige. Wegen des erklärenden Einleitungskapitels sowie den vielen weiteren gut verständlichen und interessanten Informationen kann das Buch dennoch auch Laien Schau- und Lesefreude bereiten.

47/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 47/2018

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